Technische Universität Berlin

Impfkritik und Antisemitismus

Dr. Mathias Berek über antijüdische Ressentiments in Zeiten der Corona-Pandemie und historische Parallelen

Herr Berek, war es für Sie eine Frage der Zeit, dass im Zusammenhang mit dem Impfen antisemitische Töne wieder angeschlagen wurden, oder hat es Sie dann doch überrascht?

Es hat mich nicht überrascht. Ich würde auch gar nicht behaupten, dass diese Töne erst jetzt wieder angeschlagen werden. Die Impfkritik ist durch die Aufmärsche der Corona-Leugner*innen und Maßnahmenkritiker*innen sichtbarer geworden. Und sie hat sicherlich auch neue Anhänger*innen gewonnen. Aber es ist wie mit den antisemitischen Einstellungen in allen Bereichen der Gesellschaft: Die waren nie weg. Und in der Impfkritik wie in anderen Milieus sind in letzter Zeit offenbar Hemmungen gefallen, sich antisemitisch zu äußern. Gleichzeitig hat sich nichts an den inhaltlichen Überschneidungen geändert, die dem Antisemitismus einen so fruchtbaren Boden in der impfkritischen Szene bereiten: vor allem Verschwörungsfantasien und ein mystischer Naturglaube, in dem nur der Stärkere das Recht zu Überleben hat.

Waren diese antisemitischen Töne bereits in der ja zuweilen heftig geführten Debatte um die Impfpflicht gegen die Masern zu hören oder ploppt Impfgegnerschaft und Antisemitismus im Zusammenhang mit dem Corona-Impfstoff neu auf? Anders gefragt: Waren in der Impfgegnerschaft antisemitische Ressentiments nach 1945 immer latent vorhanden?

Ich habe mich vor allem mit der Impfkritik vor 1945 und heute beschäftigt, kann also nicht allzu viel zur Phase dazwischen sagen. Eins aber kann man festhalten: Schaut man sich den Beginn der impfgegnerischen Bewegung im 19. Jahrhundert und ihren heutigen Zustand an, zeigt sich, dass sich an den Argumenten der Impfkritik seit 1874 ebenso wenig geändert hat wie am Vorhandensein antisemitischer Inhalte.

In Ihrem jüngst erschienenen Beitrag „Verunreinigtes Blut“ in der Wochenzeitschrift „Die Zeit“ beschreiben Sie, dass Impfgegnerschaft und Antisemitismus in Deutschland von Anfang an miteinander verquickt waren, also bis in das 19. Jahrhundert zurückreichen. Wie präsent ist dieses historische Wissen bei den heutigen antisemitisch getönten Impfgegnern oder sind historische Bezüge eher marginal?

Wer sich innerhalb der Impfkritik antisemitisch äußert, kennt die historischen Fakten. Einige würden im privaten Chat den Massenmord an den Juden und Jüdinnen gutheißen, andere die Shoah leugnen. Die meisten aber gehen anders mit der Erinnerung an die Shoah um: Sie benutzen sie. Sie sagen nicht mehr wie früher, die Juden wären schuld an vermeintlichen Impfschäden, sondern sie erklären sich selbst zum Juden, um sich den ultimativen Opferstatus anzumaßen. Wir haben das auf den Kundgebungen gesehen: Man trägt gelbe Davidsterne mit der Aufschrift „Ungeimpft“ oder setzt sich mit Anne Frank gleich. Das ist schon dadurch sekundärer Antisemitismus, weil damit das Leiden der Juden und Jüdinnen auf obszöne Weise heruntergespielt wird. Es unterstellt ja letztlich, die Nazis hätten der jüdischen Bevölkerung lediglich das Tragen von Masken und ein paar Kontaktbeschränkungen auferlegt. Dazu kommt nicht selten die Täter-Opfer-Umkehr, wenn der Träger des gelben „Ungeimpft“-Sterns sich dabei von jüdischen Organisationen oder Personen verfolgt wähnt – oder von solchen, die er für jüdisch hält.

Ähnelt die Rhetorik der antisemitischen Impfgegner von gestern der Rhetorik der antisemitischen Impfgegner von heute? Oder kommt Sie ganz anders daher?

Natürlich hat sich die Sprache geändert. Zwar gibt es immer noch mehr Leute, als man zu hoffen wagt, die sich trotz der Gefahr, sich strafbar zu machen oder die bürgerliche Reputation und vielleicht den Job zu verlieren, knallhart antisemitisch äußern. Aber dennoch: Wir haben hier nicht die Gesellschaft der dreißiger Jahre. Die Grenzen des Sagbaren sind auch den meisten Leuten mit antisemitischen Überzeugungen bewusst. Das heißt aber nicht, dass sie und andere nicht permanent versuchen würden, diese auszuweiten. Außerdem sollte man die Wichtigkeit verbaler Mäßigung nicht überschätzen. In antisemitischen Milieus muss man den Judenhass nicht explizit ausdrücken. Man versteht sich auch mit Andeutungen.

Welche Parallele sehen Sie zwischen der historischen und heutigen impfkritischen Bewegung?

Es gibt eine strukturelle Ähnlichkeit zwischen der historischen impfkritischen Bewegung und der Szene, die heute gegen die Pandemiebekämpfung auf die Straße geht: Eine ideologisch gefestigte, in ihrem Judenhass unbeirrbare Minderheit flutet eine ideologisch weniger gefestigte, diffuse Bewegung mit antisemitischen Stereotypen, Argumentationen und Bildern. Damals erfolgreich. Es mag so sein, dass heute viele Menschen dort mitlaufen, weil sie unter den Folgen des Lockdowns leiden und nach einfachen Lösungen suchen. Die Hetzer*innen aber haben es doppelt einfach: Zum einen sind unreflektierte Versatzstücke antisemitischer Einstellungen in der Bevölkerung immer noch zu weit verbreitet – und tendenziell noch stärker in alternativmedizinischen, anthroposophischen und esoterischen Szenen. Zum anderen gibt es zu wenig Kritik innerhalb der Szene gegenüber der Hetze. Auch wenn sich zum Beispiel die Anthroposophische Gesellschaft im letzten Jahr immerhin von Rassismus und Antisemitismus distanzierte.

In dem erwähnten Beitrag für „Die Zeit“ nennen Sie ein antisemitisches Vorurteil, was bereits Ende des 19. Jahrhunderts zirkulierte, nämlich dass jüdische Journalisten und Politiker den staatlichen Impfzwang durchgesetzt hätten. Auf welche antisemitischen Behauptungen im Zusammenhang mit den Corona-Impfungen trifft man derzeit?

Die meisten Äußerungen drehen sich um die Anmaßung der Opferrolle durch Shoah-Relativierung. Bekannt geworden ist etwa der AfD-Kreisverband Salzgitter, der eine Fotomontage eines KZ-Eingangs mit dem Spruch „Impfen macht frei“ verbreitete. Es gibt aber auch viele Fälle von traditionellem Antisemitismus. Die bayerische Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) berichtet etwa von einer Corona-Kundgebung in Nürnberg, auf der eine Rednerin behauptete, Zionisten und Satanisten würden planen, „per Todesspritze“ weite Teile der Bevölkerung zu ermorden und den Rest unter „absolute Kontrolle“ zu stellen, um eine „kommunistische Weltherrschaft“ zu errichten. Weit verbreitet ist inzwischen die von QAnon-Aktivisten verbreitete „Adrenochrom“-Lüge. Dieser Mythos behauptet, die Eliten würden Kinder foltern und ermorden, um ein Jungbrunnen-Medikament zu gewinnen: eine aktualisierte Version der jahrhundertealten judenfeindlichen Ritualmordlegende.

Sie schreiben auch, dass der Antisemitismus bei den Impfgegnern um 1900 und später keine Randerscheinung war. Können Sie einschätzen, wie verbreitet beziehungsweise manifest Judenhass heute unter Impfgegnern ist?

Dazu gibt es bisher nur einzelne und kleinere quantitative Untersuchungen. Insofern kann man dazu keine seriösen Zahlenangaben machen. Zudem ist die Szene wie gesagt sehr heterogen. Wahrscheinlich ist es – noch – eine Minderheit. Doch es gibt genug Grund zur Sorge. Gerade im Zusammenhang mit den Corona-„Protesten“ radikalisieren sich auch Teile der Impfkritik. Darauf deutet die Vielzahl von Fällen antisemitischer Hetze und Gewalt hin, die von Monitoringstellen wie RIAS dokumentiert werden. Für die heutige impfgegnerische Bewegung gilt dasselbe wie für ihre historischen Vorläuferinnen: Solange sich ihre Mitglieder nicht konsequent von den Antisemit*innen unter ihnen und von deren Überzeugungen trennen, sind sie für den Judenhass mitverantwortlich.

Das Interview führte Sybille Nitsche.

Weiterführende Informationen

Artikel von Mathias Berek „Verunreinigtes Blut“ in der Wochenzeitschrift „Die Zeit“