Technische Universität Berlin

Arbeiten und Leben während der Corona-Pandemie

Eine weltweit angelegte Online-Umfrage des Arbeitskreises Chancengleichheit (AKC) der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG) untersuchte, welche Auswirkungen die Covid-19-Pandemie auf die Work-Life-Balance hat. Der AKC vertritt die Interessen von Mathematik-, Informatik-, Naturwissenschaft‑, Technik-Absolventinnen (MINT), insbesondere Physikerinnen, aller Karrierestufen in der Wirtschaft und Wissenschaft. Von Mitte April bis Ende Juni 2020 haben über 1.500 Personen daran teilgenommen, die Mehrheit stammte aus Europa. 70 Prozent der Befragten hatten eine akademische Position inne und 72 Prozent einen Hintergrund in MINT. Dr.-Ing. Pınar Bilge vom Institut für Werkzeugmaschinen und Fabrikbetrieb (IWF) an der TU Berlin hat die Studie mit durchgeführt. Sie berichtet über die Ergebnisse.

Frau Bilge, was waren aus Ihrer Sicht die wichtigsten Ergebnisse zu der Work-Life-Balance während der Pandemie?

Die hauptsächlichen Stressfaktoren bei der Arbeit im Homeoffice waren die fehlende Trennung von Beruf und Familie sowie das Gefühl der Isolation. Besonders interessant fand ich die Aussagen, dass weibliche Teilnehmende diese Stressfaktoren signifikant höher bewerteten als männliche, und dass das fehlende Feedback von Manager*innen bzw. Kolleg*innen am meisten vermisst wurde.

Der am häufigsten genannte Begriff in Freitextfeldern war „mangelnde Work-Life-Balance“ gefolgt von „Homeschooling“ und „emotionalen und mentalen Problemen“. Führungskräfte litten dabei mehr unter Stress durch Homeoffice als Personen ohne Führungsaufgaben, obwohl sie mit der Leistung ihrer Mitarbeiter*innen sehr zufrieden waren.

Wie lässt sich das erklären?

Konflikte zwischen häuslicher und beruflicher Verantwortung sind ein gemeinsamer Aspekt des Ungleichgewichts zwischen Arbeit und Privatleben. Dies ist jedoch technisch gesehen ein Zeitmanagementproblem. Personen, die vor der Covid-19-Krise über schlechte oder keine Zeitmanagementfähigkeiten verfügten, stehen jetzt vor noch mehr zeitlichen Herausforderungen. Vor der Pandemie wandten nur 30 Prozent der Teilnehmer*innen Zeitmanagement an. Von diesen gaben 68 Prozent an, dass die Effizienz des Zeitmanagements so gut wie vor der Pandemie ist. Weitere Analysen ergaben jedoch, dass der größte Teil dieser Untergruppe aus Personen bestand, die ihre eigenen Prioritäten setzen konnten (81 Prozent). Dies impliziert eine eingeschränkte Wirksamkeit des Zeitmanagements für andere Gruppen der Arbeitstätigen.

Haben Sie unterschiedliche Einschätzungen von weiblichen und männlichen Befragten ausgemacht? Mitarbeiter*innen in europäischen Forschungseinrichtungen und Universitäten sorgten sich insbesondere um negative soziale Auswirkungen. Die häufigste Sorge bei europäischen Männern war hingegen eine finanzielle Stagnation beziehungsweise Rezession für die Zeit nach der Pandemie. Das betraf vor allem Arbeitskräfte in der Wirtschaft.

Was erwarten die Teilnehmer*innen, wie sich die geänderten Umstände auf Dauer auswirken könnten?

Bei der Analyse der Freitexteinträge zeichnen sich zwei Gruppen ab: Eine Gruppe war überzeugt, dass die Pandemie eine Chance ist, Fernarbeit und Fernunterricht zu reformieren. Die zweite Gruppe fürchtete dagegen, dass der verstärkte Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien die herkömmlichen Arbeitsinstrumente und -methoden ersetzen könnte. 40 Prozent aller Teilnehmer*innen fürchteten den Verlust ihres Arbeitsplatzes. Etwa ein Drittel, das heißt 35 Prozent, sorgte sich allerdings auch um den Wegfall der Möglichkeit, nach der Covid-19-Krise weiter im Homeoffice arbeiten zu können. Das betraf fast die Hälfte der weiblichen Akademiker in Europa und 26 Prozent der männlichen.

Welche Erkenntnis ziehen Sie aus dieser Studie? Planen Sie weitere Untersuchungen, die darauf aufbauen?

Bei der Arbeit im Homeoffice führen die fehlende Trennung von Beruf und Familie sowie die zusätzliche Belastung durch Homeschooling zu Stress, insbesondere bei Frauen. Daraus leiten wir eine besondere Herausforderung für Personen mit Führungsfunktion ab. Diese Personen sollten beim Veränderungsmanagement im Team die geplanten und durchzuführenden Maßnahmen und Ziele auf unterschiedlichen Ebenen transparent kommunizieren und den Arbeitsfortschritt je nach den persönlichen Bedarfen der Mitarbeiter*innen flexibel anpassen.

Als nächstes planen Frau Dr. Ruzin Ağanoglu, Mitautorin der Studie, Mitgründerin und Technische Direktorin on Lab-on-Fiber GmbH sowie Kommissionsmitglied der AKC bei der DPG, und ich mithilfe einer Kraftfeldanalyse nach Kurt Lewin die treibenden und blockierenden Kräfte bei dem Veränderungsmanagement zu untersuchen.

Die Fragen stellte Christina Camier.

Kontakt

Dr.-Ing.

Pinar Bilge

Fachgebiet Handhabungs- und Montagetechnik

p.bilge@tu-berlin.de

+49 (0)30 / 314-27091

Einrichtung Institut für Werkzeugmaschinen und Fabrikbetrieb (IWF)

Weiterführende Informationen