Technische Universität Berlin
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Wie gelingt klimafreundliche Mobilität?

Im Verkehr wurden 2020 rund 19 Millionen Tonnen weniger Kohlenstoffdioxid als im Jahr zuvor emittiert. Mit insgesamt 146 Millionen Tonnen CO2-Ausstoß lag der Verkehrsbereich noch unter der Höchstmenge, die im Klimaschutzgesetz für 2020 auf 150 Millionen Tonnen festgelegt wurde. Ein Großteil der eingesparten Emissionen ist auf die Corona-bedingten Mobilitätsbeschränkungen zurückzuführen. Um den Trend auch nach der Pandemie fortzusetzten, ist eine ambitionierte Verkehrswende erforderlich. Prof. Dr. Sophia Becker ist Professorin für Nachhaltige Mobilität und transdisziplinäre Forschungsmethoden und Leiterin der interdisziplinären Nachwuchsgruppe EXPERI an der TU Berlin und am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam. Sie untersucht, wie klimafreundliche Mobilität in Deutschland gestaltet werden kann.

Wo liegen Ihre Forschungsschwerpunkte und Forschungsinteressen? Gibt es Fragen, die Sie besonders antreiben?

Sophia Becker: In meiner Forschungsarbeit geht es darum, die Verkehrswende als sozio-technischen Transformationsprozess zu analysieren und zu unterstützen. Sozio-technisch bedeutet, dass es um menschliches Verhalten, Akteur*innen und Maßnahmen geht, aber auch um neue Infrastrukturen und Technologien für eine zukunftsfähige Mobilität. Die Frage, wie man Mobilität nachhaltiger gestalten kann, beschäftigt mich schon sehr lange. Es gibt viele Gestaltungsmöglichkeiten für einen klimafreundlichen Umbau des Verkehrssystems, aber oft dauert es sehr lange, bis sie tatsächlich genutzt werden. Das ist eine Frage, die mich sehr interessiert: Warum dauert Veränderung so lange und ist oft so schwer zu erreichen? Wie kann man das beschleunigen? Zur Beantwortung dieser Frage ist es wichtig, gemeinsam mit Praxisakteur*innen Forschungsprozesse transdisziplinär zu gestalten. Dann können wir das tolle Motto der TU Berlin „Wir haben die Ideen für die Zukunft. Zum Nutzen der Gesellschaft.“ sogar noch erweitern, in dem wir sagen „Wir entwickeln die Ideen für die Zukunft, gemeinsam mit der Gesellschaft.“.

Anfang Februar 2021 erschien der „European Mobility Atlas“ der Heinrich-Böll-Stiftung, an dem Sie mit dem Beitrag „Cargo Bikes: Sustainable and resilient transport“ beteiligt waren. Sie beschreiben darin Lastenräder als emissionsarme Alternative zu motorisierten Lieferwagen. Was können Lastenräder zur Verkehrswende beitragen und was muss passieren, damit Lastenräder ihr Potenzial tatsächlich entfalten können?

Lastenräder haben das Potenzial, den Verkehr ökologischer, leiser und gesünder zu machen. Sie sind emissionsfrei, platzsparend und ermöglichen individuelle Mobilität, auch in Krisenzeiten wie der aktuellen COVID-19 Pandemie. Städte müssen allerdings mehr für die Förderung von Lastenrad-Mobilität tun, indem sie schnellstmöglich durchgehende und sichere Radwegverbindungen schaffen, so wie es Berlin mit den Pop-Up-Radwegen in einigen Bezirken vormacht.

Was kostet so ein Lastenrad im Verhältnis zu einem Auto?

Die Anschaffungskosten hängen vom Radtyp ab. Mittlerweile gibt es einfache Modelle ab rund 1.000 EURO bis zu kompakteren Modellen für etwa 5.500 EURO. Die Nutzungskosten sind allerdings viel geringer als beim Auto. Betrachtet man Reparatur- und Fixkosten, zum Beispiel für die Versicherung, sowie Benzin- beziehungsweise Stromkosten und den Wertverlust, kommt man beim Lastenrad auf jährlich etwas mehr als 700 EURO, beim Auto sind es über 4.100 EURO. Als Alternative zum eigenen Lastenrad gibt es mittlerweile in sehr vielen deutschen Städten sogenannte Freie Lastenräder. Das sind Initiativen, die ehrenamtlich organisiert sind und Lastenräder kostenfrei verleihen.

Was war Ihr interessantestes bzw. spannendstes Forschungsprojekt?

Ich finde mein aktuelles Forschungsprojekt EXPERI am spannendsten. EXPERI steht für „Die Verkehrswende als sozial-ökologisches Realexperiment“. Meine Forschungsgruppe arbeitet interdisziplinär daran, die Verkehrswende in Berlin zu verstehen. Das Berliner Mobilitätsgesetz spielt dabei eine wichtige Rolle. Wie wird es umgesetzt? Wo hakt es noch? Wie können wir als Wissenschaftler*innen den Umsetzungsprozess unterstützen?

Gibt es in Ihren Forschungen (unerwartete) Erkenntnisse, die für Sie einen Wendepunkt markieren?

Als Psychologin habe ich mich früher ausschließlich mit individuellem Verhalten beschäftigt. Dabei bleiben aber viele soziale Prozesse und Kontextfaktoren außen vor. Die politische Wirklichkeit ist sehr komplex. Ohne ein breiteres, interdisziplinäres Verständnis von gesellschaftlichen Transformationsprozessen wird uns die Entwicklung hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft nicht gelingen. Deshalb habe ich meine Dissertation in der Umwelt- und Techniksoziologie gemacht und sehr viel in inter- und transdisziplinären Forschungsverbünden gearbeitet.

Was hat Corona an Ihrer Forschung und an Ihrer Junior-Professur geändert?

Die Corona-Pandemie hat die sozialwissenschaftliche Forschung komplizierter, aber damit auch spannender gemacht. Die Pandemie zeigt, wie wichtig es ist, individuelles Verhalten zu verstehen und politisch steuern zu können. Sie hat auch gezeigt, wie unglaublich wichtig wissenschaftliche Erkenntnisse für gute politische Gestaltungsarbeit und Krisenmanagement sind. Ganz konkret haben wir in meiner Forschungsgruppe im Frühjahr 2020 kurzfristig eine Umfrage unter Berlin*innen zu den neuen Pop-Up-Radwegen gemacht und konnten damit hoffentlich auch dazu beitragen, dass diese innovative Maßnahme weiter ausgebaut wird.

Haben Sie ein Lieblingszitat oder ein Lebensmotto? Wenn ja, welche, von wem ist es, welche Bedeutung verbinden Sie damit?

„Nur wer sich wandelt, bleibt sich treu.“ von Hermann Hesse. Das menschliche Leben ist eine kontinuierliche Weiterentwicklung. Die Arbeit in der Wissenschaft ermöglicht es mir, jeden Tag etwas Neues zu lernen und mich weiter zu entwickeln. Dafür bin ich sehr dankbar. Durch die Einheit von Forschung und Lehre kann ich mein Wissen an junge Menschen weitergeben und sie ermutigen, kritische Fragen zu stellen und sowohl fachlich als auch persönlich zu wachsen. Das ist eine sehr erfüllende Aufgabe.

Gibt es ein Buch, das Sie empfehlen möchten? Wenn ja, welches und warum?

Als Roman habe ich zuletzt „Effingers“ von Gabriele Tergit gelesen. Das ist eine sehr vielschichtige und kunstvoll erzählte Geschichte jüdischer Familien im turbulenten Berlin der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ein moderner und zeitloser Roman von 1951, den ich uneingeschränkt empfehlen kann.

An meiner Arbeit bei der TU Berlin gefällt mir besonders, …

… dass es eine konstruktive und kollegiale Kultur der interdisziplinären Zusammenarbeit über die Fakultäten hinweg gibt, in die ich als neues Mitglied sehr schnell und positiv aufgenommen wurde. Das Thema nachhaltige Mobilität ist so vielseitig, dass es nur durch inter- und transdisziplinäre Zusammenarbeit erfolgreich bearbeitet werden kann, sowohl in der Forschung als auch in der Praxis. Neue Initiativen wie das Climate Change Center haben ein großes Potenzial, die verschiedenen Forscher*innen noch besser zu vernetzen und gemeinsam einen wirkungsvollen wissenschaftlichen Beitrag zum Gelingen der Verkehrswende zu leisten. Ich freue mich sehr auf die kommenden Jahre an der TU Berlin!

 

Die Fragen stellte Christina Camier.

Über Prof. Dr. Sophia Becker

Prof. Dr. Sophia Becker war als Mobilitätsforscherin (PostDoc) am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) Potsdam von 2017 bis 2019 tätig. Sie hat in Münster und Paris Diplom-Psychologie studiert und wurde bei Prof. Dr. Dr. Ortwin Renn, Lehrstuhl für Technik- und Umweltsoziologie an der Universität Stuttgart, promoviert. Die Dissertation zum Thema „Individuelles Rebound-Verhalten in der Pkw-Mobilität“ erschien im Springer VS Verlag in der Reihe Studien zur Mobilitäts- und Verkehrsforschung. An der University of California Berkeley hat sie am Transportation Sustainability Research Center als Gastwissenschaftlerin zum Thema Carsharing und individuelle Lebensqualität gearbeitet (2015). Sophia Becker war unter anderem an der Leuphana Universität, Fakultät Nachhaltigkeit, als Lehrbeauftragte für Umweltpsychologie tätig (2012 bis 2014). Seit 2018 ist sie Mitglied im wissenschaftlichen Beirat und Trägerverein der Fachzeitschrift GAIA, Ecological Perspectives for Science and Society. Zu Sophia Beckers Forschungsschwerpunkten gehören sozio-technische Transformationsprozesse, nachhaltige Mobilität, individuelle Verhaltensänderung, Mobilitätsinnovationen und transdisziplinäre Forschungsmethoden.

Kontakt

Prof. Dr.

Sophia Becker

Leiterin des Fachgebiets Nachhaltige Mobilität und transdisziplinäre Forschungsmethoden

sophia.becker@tu-berlin.de

+49 30 314-73905