Technische Universität Berlin

Wildbienen verstehen

IPODI-Fellow Dr. Monika Egerer leitet das Projekt „Bienen, Bestäubung und Bürgerwissenschaft in Berlins Gärten“

Die Hosenbiene hat lange Haarbürsten an ihren Hinterbeinen. Sie lebt in sandigen Böden, ist spezialisiert auf sogenannte Korbblütler wie Wegwarte oder Herbst-Löwenzahn, ist eine von zahlreichen Wildbienenarten in Berlin, und sie ist eine der Lieblingsbienen von Dr. Monika Egerer. Die Wildbienen, Berlin, der Sand, die Pflanzen und Monika Egerer gehören zu den Protagonist*innen des bürgerwissenschaftlichen Pilotprojektes „Bienen, Bestäubung und Bürgerwissenschaft in Berlins Gärten“.

Berlin – die Stadt der Wildbienen und der Gärten

Was die wenigsten Berliner*innen wissen: ihre Stadt ist Heimat von mehr als 300 verschiedenen Wildbienenarten. Grund hierfür sind nicht zuletzt die innerstädtischen Brachflächen aber auch zahlreiche andere kleine Biotope und Gärten in denen sich die Bienen wohlfühlen. Allerdings ist diese Vielfalt arg bedroht. Die Hälfte der Wildbienenarten steht auf der Roten Liste und unter Naturschutz. Es fehlt ihnen zunehmend der passende Lebensraum.

Berlin ist zudem eine zeitgenössische „Gartenstadt“ mit einer blühenden und vielfältigen städtischen Gartenlandschaft. Viele Gärtner*innen sind zwar am Bienenschutz interessiert, oft fehlt ihnen jedoch das ökologische Verständnis der Wildbienenvielfalt und das Wissen, wie sie ihre Gärten proaktiv für diese gestalten und gleichzeitig ertragreich bewirtschaften können. Das Projekt „Bienen, Bestäubung und Bürgerwissenschaft in Berlins Gärten“ soll helfen dies zu ändern. In dem Bürgerforschungsprojekt geht es darum, wie städtische Gärten zum Schutz von Bestäubern, insbesondere Wildbienen beitragen und welche Garteneigenschaften eine große Vielfalt von Wildbienen fördern können.

Gesellschaftliches Verständnis von Wildbienen fördern

Initiatorin ist Dr. Monika Egerer, die derzeit als IPODI-Fellow am Fachgebiet Ökosystemkunde/Pflanzenökologie der TU Berlin forscht. „Wir wollen die Artenvielfalt, die Ökologie und den Schutz der Wildbienen in den Berliner Stadtgärten nicht nur aus wissenschaftlicher Sicht verstehen. Wichtig ist auch zum gesellschaftlichen Verständnis von Wildbienen und biologischer Vielfalt beizutragen. Daher binden wir gezielt Bürger*innen ein, in diesem Fall Menschen, die sich in den Gemeinschaftsgärten engagieren“, sagt Monika Egerer, die an der University of California, Santa Cruz, Umweltwissenschaften studiert und dort auch in diesem Fach 2019 ihre Promotion abgeschlossen hat. Sie hatte sich mit der Projektidee erfolgreich als IPODI-Fellow an der TU Berlin beworben.

Die Internationale Postdoc-Initiative (IPODI) der TU Berlin ist Teil der Gleichstellungsinitiative „Wissenschaftlerinnen an die Spitze“, die darauf abzielt, den Anteil von Frauen in Führungspositionen zu erhöhen. Regelmäßig werden hier zweijährige Stipendien an der TU Berlin an herausragende Wissenschaftlerinnen vergeben.

„Ich habe mich schon in Kalifornien mit Gemeinschaftsgärten beschäftigt und finde es großartig, wenn Bürger*innen an wissenschaftlichen Projekten aktiv teilhaben können. Wissenschaftlich hat mich die Forschung zu Bestäubern am TU-Fachgebiet Ökosystemkunde begeistert. Diese Aspekte wollte ich in einem Projekt zusammenbringen“, erklärt Monika Egerer ihre Motivation. Neben den Wissenschaftler*innen aus dem TU-Institut ist auch das Museum für Naturkunde Berlin an dem Projekt beteiligt.

50 Gärtner*innen in 18 Gemeinschaftsgärten

Durchgeführt wird das Pilotprojekt in insgesamt 18 Gemeinschaftsgärten in Berlin. Voraussetzung war, dass in jedem der Gärten eine der Gemüse-Sorten wie Tomaten, Paprika, Gurken oder Kürbis angebaut werden. In allen Gärten werden die Artenvielfalt der Wildbienen sowie die Gartenpflanzen-, Boden-, Klima- und Landschaftsmerkmale systematisch durch die Wissenschaftler*innen dokumentiert. Rund 50 Gärtner*innen führen Buch über die Saison die Bestäubungsfunktion an ausgewählten Gemüse-Pflanzen. In der Zusammenarbeit wird unter anderem in Workshops Wissen zu Wildbienen und biologischer Vielfalt vermittelt und Fragen der Gärtner*innen diskutiert. Diese Fragen der Gärtner*innen sollen als Grundlage für die Erstellung von öffentlichen Bildungsquellen zu Bestäubern in urbanen Gemeinschaftsgärten verwendet werden.

Stadtgärten sind wichtige Lebensräume

Die Ergebnisse der Studie sollen als Grundlage zur Entwicklung von Maßnahmen zur Förderung von Bestäubern in Gemeinschaftsgärten dienen. Zudem ist ein Fotoprojekt angeschlossen, über das die Teilnehmer*innen animiert werden sollen, über einen längeren Zeitraum genauer hinzuschauen und das Wachstum der eigenen Pflanzen zu begleiten. Mit den gesammelten Wildbienen können die jeweiligen Bestäuber der Pflanzen gezeigt werden. Nach Projektende soll es dazu eine Ausstellung im Museum für Naturkunde Berlin geben.

„Vielleicht helfen unsere Ergebnisse und unsere Arbeit auch den Stadtgärten dabei, ihre Existenz zu festigen. Oft sind sie als Zwischennutzung angelegt und müssen dann Bauprojekten weichen. Dann verschwindet wieder ein Lebensraum für die Wildbienen“, sagt Monika Egerer. Die Verlegung von solchen Gärten auf Dächer sei für viele Bienensorten keine Option, so die Wissenschaftlerin. Denn ihr Lebensraum ist beispielsweise im Sandboden zu finden, so wie bei der Hosenbiene.

UN-Dekade Preis zur biologischen Vielfalt

Am 11. September 2020 erhielt „Bienen, Bestäubung und Bürgerwissenschaft in Berlins Gärten“ den UN-Dekade Preis zur biologischen Vielfalt, mit dem vorbildliche Projekte geehrt werden, die sich in besonderer Weise für die Erhaltung der biologischen Vielfalt in Deutschland einsetzen. Für Monika Egerer ist das zunächst ein schönes Abschiedsgeschenk. Sie hat einen Ruf an die TU München bekommen und beendet in Kürze ihr IPODI-Fellowship.

„Durch IPODI habe ich einen sehr hilfreichen Einblick in die deutsche Wissenschaftslandschaft erhalten. Das war eine großartige Gelegenheit für mich. Es ist schade, dass das Projekt zunächst aufhört, aber ich möchte ein Gemeinschaftsprojekt zwischen München und Berlin initiieren, über das wir auch dieses Projekt weiterführen“, sagt sie. Die Sandbiene und ihre Artgenossinnen werden es ihr danken.