Technische Universität Berlin

Damit Nofretete nicht vom Sockel fällt

Kerstin Kracht ist in Europa eine gefragte Expertin für Schwingungstechnik. An der TU Berlin wird sie ein Jahr als Gastprofessorin über die Mechanik von Kunstwerken und Kulturobjekten forschen

Es hatte Charme und Finesse. Während ihres Vortrages auf der PACCIN-Konferenz vor Museumsfachleuten 2019 in Amsterdam ließ Kerstin Kracht eine professionelle Crew aus Hamburg mit einer Salsa- und Hip-Hop-Performance auftreten. Kerstin Kracht machte damit auf ein Problem aufmerksam, das in der Museumswelt entweder unterschätzt oder lieber ignoriert wird: die Gefährdung von Kunstwerken und Kulturgütern durch Schwingungen und Stöße. Anfänglich werden sich die Zuhörer noch entspannt zurückgelehnt und die Showeinlage als willkommene Abwechslung im Vortragsmarathon empfunden haben. Aber irgendwann muss die eine oder der andere geahnt haben, dass die vier Tänzerinnen und Tänzer ihre Steps und Moves nicht zum Amüsement des Auditoriums zeigen. „Natürlich nicht“, sagt Prof. Dr.-Ing. Kerstin Kracht amüsiert. „Ich habe die Schwingungen, die während des Tanzens erzeugt wurden, auf dem Boden und den Podesten gemessen. Die Daten sind simultan als Diagramme auf einem großen Bildschirm angezeigt worden.“

Museen als Eventlocations

Die versammelte internationale Community aus Museumsdirektoren, -technikern, Kunsthändlern, Wissenschaftlern und Restauratoren konnte aus den heftig ausschlagenden Amplituden ableiten, welchen „Tort“ sie den da Vincis, Michelangelos, van Goghs, Chagalls und Pollocks antun, wenn Museen zu Eventlocations mutieren und unersetzliche Gemälde und Skulpturen um den Globus reisen. „Auch kleinste Erschütterungen, denen die Kunstschätze während des Transportes ausgesetzt werden, können schädigend wirken“, sagt Kerstin Kracht. Auf die Frage, wie die Zuhörerinnen und Zuhörer damals auf diese Vorführung im doppelten Sinne reagierten, sagt sie trocken: „Gespalten. An dem Tag haben die einen meine Arbeit geschätzt, den anderen kam meine Präsentation ungelegen. Aber der Beweiskraft der kleinen Anschauungseinlage konnte sich niemand entziehen.“

Kerstin Kracht studierte und promovierte an der TU Berlin. 2014 verließ sie die Universität, um jenseits der Wissenschaft Erfahrungen zu sammeln für ihre Passion, Kunst- und Kulturgüter vor Schwingungen und Stößen zu schützen. Nun kehrt sie mit Beginn des Wintersemesters 2020/2021 als Gastprofessorin im Rahmen des „Joint Programmes for Female Scientists & Professionals“, einem TU-Förderprogramm für Frauen aus der Wirtschaft, zurück. Das Programm will alternative Karrierewege von Frauen fördern und Frauen aus der Wirtschaft die Möglichkeit eröffnen, ihre Erfahrungen an Studierende und den wissenschaftlichen Nachwuchs weiterzugeben.

Ein Nischenthema

Seit 16 Jahren erforscht Kerstin Kracht neue Methoden, um Kunstwerke und Kulturgüter vor Schocks und Vibrationen während des Transports, Ausstellungen und der Lagerung im Depot zu schützen. Ein absolutes Nischenthema. Mittlerweile gehört sie zu einem sehr kleinen gefragten Kreis von Expertinnen und Experten in Europa. 2009 hat sie zusammen mit einem Berliner Unternehmen den Basissockel für die weltbekannte Büste der Nofretete im Neuen Museum Berlin schwingungsisoliert und 2019, ebenfalls mit dieser Firma, ein schwingungsisoliertes Podest für die Goldene Tafel von Lüneburg, einen 700 Kilogramm schweren Altar, entwickelt. Den Grundstein für ihr Renommee legte sie mit ihrem Studium der Physikalischen Ingenieurwissenschaft an der TU Berlin. „Nach meiner Promotion stieß ich jedoch an Grenzen, die ich, wäre ich in der universitären Forschung geblieben, nicht hätte überwinden können. Ich brauchte Daten und Erfahrungen, die mir nur die Praxis liefern konnte und in keiner Datenbank abrufbar sind“, erzählt sie.

Schließlich machte sie sich selbstständig

Also sagte sie 2014 einer winkenden Juniorprofessur Adieu und arbeitete zunächst ein Jahr als Lehrerin für Mathematik und Physik an einem Schweriner Privatgymnasium und nebenberuflich als Lehrbeauftrage für Studierende der Restaurierung und der Ingenieurwissenschaften an verschiedenen Hochschulen in Berlin und Hamburg. Die anschließende Tätigkeit als Forschungs- und Entwicklungsingenieurin in einem Testlabor für Prototypen und Verpackungen in der Hansestadt bewegte sie schließlich dazu, sich 2017 als Ingenieurin für Schwingungstechnik und Strukturdynamik selbstständig zu machen. Diese beruflichen Stationen machten aus ihr die Expertin für Schwingungstechnik, die sie heute ist. Dieser Weg war jedoch alles andere als ein leichter und sicherer. Sie nahm die damit verbundenen Schwierigkeiten und Unwägbarkeiten dennoch auf sich – und das als alleinerziehende Mutter –, weil sie etwas bewegen will.

Als Firmenrisiko „eingepreist“

Kerstin Kracht wird den Studierenden und Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern also sehr viel mehr bieten können als ein stupendes Fachwissen, wertvolle Kontakte und die Leidenschaft für die Wissenschaft, sondern auch die Lebenserfahrung einer freiberuflichen Ingenieurin, alleinerziehenden Mutter und eines Freigeistes. Und diese Erfahrung ist weit weg vom himmelblauen Marketingsprech, das auf Jobmessen zuweilen zu hören ist. Ihre Lebenserfahrung ist geerdet und von Ernüchterung geprägt. Sie erlebte trotz vollmundiger Beteuerungen des Gegenteils, dass alleinerziehende Mütter nach wie vor als Firmenrisiko „eingepreist“ sind; dass der Wunsch nach Teilzeitarbeit die Garantie dafür war, als eine der Ersten aus der Bewerberrunde zu fliegen, auch wenn Teilzeitarbeit in den Stellenausschreibungen explizit angeboten wurde, und dass auch mit einer Chefin die vielzitierte Work-Life-Balance nicht unbedingt ins Lot kommt. Auf die Frage, ob dies bittere Erkenntnisse für sie gewesen seien, antwortet sie knapp: „Nö“, und lacht und Kerstin Kracht lacht gern. Sie habe dann immer gleich gewusst, dass sie mit solch einer Firma nicht zusammenarbeiten wolle.

Werdegang Kerstin Kracht

Prof. Dr.-Ing. Kerstin Kracht absolvierte während ihres Studiums der Physikalischen Ingenieurwissenschaft an der TU Berlin im Jahr 2004 ein Praktikum am Institut für Kulturerbe in Amsterdam. Es war ein Meilenstein in ihrer Ausbildung. Dort kam sie zum ersten Mal in Kontakt mit der schädigenden Wirkung von Schwingungen und Stößen auf Kunstwerke. Für ihre hervorragende Diplomarbeit verlieh ihr die TU Berlin den Clara-von-Simson-Preis. Sie war die erste Preisträgerin. Ihre Doktorarbeit schrieb sie zu dem Thema „Die Untersuchung des Schwingungsverhaltens von Ölgemälden in Abhängigkeit der Alterung“ am Fachgebiet Mechatronische Maschinendynamik der TU Berlin. Aufgrund dieser Forschungen wurde das Fachgebiet 2011 als „Ort im Land der Ideen“ ausgezeichnet. Ihre Vorlesung „Interdisziplinäre Mechanik in Theorie und Anwendung“ im Rahmen ihrer Gastprofessur hält sie am Fachgebiet „Kontinuumsmechanik und Materialtheorie“

Viel wissen über Chemie, wenig über Kräfte

Gesundes Selbstbewusstsein ist eine hervorstechende Eigenschaft von ihr, weil sie weiß, was sie kann. Ihr analytischer Zugang zu Problemen bewahrt sie zudem davor, verzagt zu sein. Blitzschnell konzentriert sie sich auf die Suche nach einer anderen Option. Aber auch auf der fachlichen Ebene machte sie Erfahrungen, die sie so nicht erwartet hätte – zum Beispiel, wie wenig die Ingenieurwissenschaften im Allgemeinen und die Schwingungstechnik im Besonderen in den Museen verankert sind. „Die Restauratoren wissen sehr viel über Chemie, zu wenig über physikalische, insbesondere dynamische Kräfte“, so Kracht. Dieses Wissen sei aber für die Lagerung einzigartiger Gemälde und Skulpturen unerlässlich, wenn sie bewahrt werden sollen. Und der Satz „Haben wir schon immer so gemacht“, der wie eine Brandmauer wirkt, verhindere Innovationen und führe zum Beispiel in Deutschland dazu, dass der Einsatz nachhaltiger Verpackungen in der Kunstlogistik bislang kaum ein Thema sei. Einwegverpackungen aus Holz landen nach der Rückkehr der Leihgabe hierzulande nach wie vor zuhauf auf dem Müll.

Wissenschaft in Transportboxen eingebaut

Da macht sie nicht mit. Als Ingenieurin verantwortungsvoll zu handeln ist ihr ein wichtiges Anliegen. Für den Einbau einer schwingungsisolierten und stoßabsorbierenden Lagerung für Gemälde in Transportverpackungen suchte sie daher eine Firma, die eigene Gemäldetransportboxen entwickelt hatte, die mehrmals verwendet werden. „Mein Know-how soll Firmen zugutekommen, die nachhaltig gegenüber der Umwelt wirtschaften. Die allererste Gemäldetransportbox, die eine niederländische Firma 1994 auf den Markt brachte, ist noch heute im Einsatz“, erzählt Kracht. Das imponiert ihr. Und es ist nicht zu überhören, dass sie auf diese Zusammenarbeit stolz ist. Stolz auch, weil es ihr gelungen ist, ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse über das Schwingungsverhalten von Gemälden unmittelbar in der Produktentwicklung anzuwenden.

Dadurch ist nun die gemäldespezifische schwingungs- und schockreduzierende Lagerung von Gemälden in Transportboxen der Firma aus Den Haag möglich.

Nach sechs Jahren in der Praxis verfügt Kerstin Kracht über all die Kontakte, Daten, Erfahrungen, um ihrer Forschung, die sie während ihrer einjährigen Gastprofessur an der TU Berlin fortsetzen wird, einen neuen Schub zu geben – über Kontakte zu Museen wie dem British Museum in London, dem Kunstmuseum in Den Haag oder der Kunsthalle in Mannheim.

Sie forscht an Piet Mondrians Gemälde „Evolution“

Gemeinsam mit dem Kunstmuseum Den Haag wird sie das Dauerschwingungs- beziehungsweise Dauerbruchverhalten von Ölgemälden auf textilen Bildträgern, deren Malschicht Zinkseifen beinhalten, erforschen. Bei bedeutenden Gemälden wie „Evolution“ von Piet Mondrian von 1911, das sich im Besitz des Kunstmuseums Den Haag befindet, oder „Fastnacht“ von Max Beckmann aus dem Jahr 1925 in der Kunsthalle Mannheim, zeigen sich Delaminierungen, also Abhebungen im Malschichtaufbau. In der Farbschicht wurden Zinkseifen nachgewiesen, die die Ursache für die Malschichtabhebungen sein könnten. Delaminierungen reagieren auf dynamische Kräfte äußerst sensitiv. Was die dynamischen Kräfte bewirken, wird sie in weiterführenden Studien untersuchen mit dem Ziel, Maßnahmen zur präventiven Konservierung weiterzuentwickeln. Aus dem „Joint Programmes for Female Scientists & Professionals“ stellt die TU Berlin ihr die finanziellen Mittel für die künstliche Alterung im Rahmen dieser Studien zur Verfügung.

Wenn Kerstin Kracht in ihrem Berufsalltag manchen Dingen den Schwung nehmen muss, so geht in ihrer Freizeit ohne Schwung gar nichts: Da tanzt sie Salsa.

Autorin: Sybille Nitsche