Technische Universität Berlin

Reisen wie in den Fünfzigern

Naherholungsgebiete und Reisen mit dem Auto: Die Zukunft des Tourismus wird für lange Zeit eine ganz andere sein

An der Nordsee freut man sich über einen Neustart des Tourismus, die ersten Gäste dürfen wieder kommen. Kurz bevor die Ferien beginnen, arbeitet die Bundesregierung an Lockerungen der Reisebedingungen, und auch die europäischen Grenzen öffnen sich nach und nach wieder, doch: „Die Malediven wird es so bald als Reiseziel kaum mehr geben“, prophezeit Prof. Dr. Hasso Spode, Leiter des Historischen Archivs zum Tourismus an der TU Berlin (HAT). „Die Event-Branchen sind von allen Branchen am stärksten betroffen – und der Tourismus ist die größte Event-Branche“, sagt er. „Sie wird sich so schnell nicht erholen. Mittelfristig könnten wir auf das touristische Niveau der Fünfziger- und Sechzigerjahre zurückfallen.“

Die Corona-Krise habe zur größten Einschränkung der weltweiten Mobilität seit dem Mittelalter geführt, analysiert der Tourismusforscher. Schon vor der Krise setzten Schlagwörter wie „Flugscham“ und „Overtourism“ im Zusammenhang mit Klimawandel und Bildern von vermüllten Traumstränden der Branche zu, der Verzicht auf Kurzstreckenflüge und überflüssige Langstrecken-Dienstreisen wurde – auch an der TU Berlin – zur Selbstverpflichtung. Reisen und Klima wurden sogar zum Leitmotiv der diesjährigen Internationalen Tourismusbörse, die Anfang März 2020 in Berlin stattfinden sollte. Sie war dann ironischerweise auch eines der ersten Opfer des allgemeinen Shutdowns.

Im vergangenen Jahr waren mehr als 55 Millionen Deutsche auf (Fern-)Reisen

Das größte Opfer aus kulturhistorischer Sicht ist für den Tourismusforscher allerdings der Verlust des Gefühls der Freiheit, das das Reisen vermittelt: „Urlaub bedeutet für die Menschen die Abwesenheit von Zwängen. Wo das Reisen jahrhundertelang überwiegend den Adelskreisen, später dem gut betuchten Bürgertum vorbehalten war, demokratisierte es sich seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts.“ Ende der Fünfzigerjahre fuhren rund 25 Prozent der Bundesdeutschen einmal jährlich in den Urlaub. 1963 trat das Bundesurlaubsgesetz in Kraft, das einen Mindesturlaub vor allem zu Erholungszwecken vorschrieb. In den Siebzigern verreisten bereits mehr als 50 Prozent, in der DDR waren es schließlich sogar 80 Prozent. Vor Corona lag die Reiseintensität in Deutschland etwa bei 75 Prozent, viele verreisten mehrmals im Jahr. Im vergangenen Jahr waren mehr als 55 Millionen Deutsche auf (Fern-)Reisen.

Sehnsucht nach persönlichen Kontakten

Die wirtschaftliche Katastrophe liegt darin, dass die Tourismusbranche etwa zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmacht, weit mehr als etwa die Autoindustrie. Hasso Spode ist überzeugt: Die Branche werde sich, trotz Rettungsschirm, so schnell nicht erholen. „Zumindest Massentourismus und Fernreisen werden noch lange stagnieren. Dazu kommen die Klima-Bedenken, die es schon vor dem Shutdown gab, sowie die positiven Erfahrungen von Entschleunigung und Effizienz, die Betriebe, Behörden und Institutionen aus der Krise gezogen haben, zum Beispiel die Vorzüge von Videokonferenzen auch nach Übersee.“ Die Sehnsucht nach persönlichen Kontakten und „echtem“ Erleben bleibe freilich ungebrochen. Doch die absehbare touristische Zukunft sieht er so: „Naherholung und mittlere Distanzen werden für lange Zeit das Gebot der Stunde sein, Auto und Wohnmobil als Corona-sichere Transportmittel dürften eine Renaissance erleben – zurück in die Fünfziger- und Sechzigerjahre.“

Kontakt

Prof. Dr.

Hasso Spode

Wiss. Leiter des Historischen Archivs zum Tourismus

hat@hist-soz.de