Technische Universität Berlin
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Pest und Cholera

Covid-19 im Spiegel historischer Reflexionen zur Pandemien- und Seuchengeschichte

Die Gewissheit, sich im „Zeitalter der Immunität“ zu befinden, hat durch Covid-19 Risse bekommen. Ein „Covid-19 Special“ mit historischen Reflexionen zu diesem aktuellen Thema wurde jetzt in der „NTM – Zeitschrift für Geschichte der Wissenschaften, Technik und Medizin“ veröffentlicht. Prof. Dr. Heike Weber, Leiterin des Fachgebiets Technikgeschichte an der TU Berlin gibt sie federführend heraus. Wissenschaftler*innen aus Technik-, Sozial- und Medizingeschichte reflektieren in dem Open Access-Journal über die Geschichte der Katastrophenforschung sowie den historischen Umgang mit Seuchen, Pflege und Prävention und stellen Bezüge zur gegenwärtigen Situation her. Außerdem wird ein besonderes medizinhistorisches Fundstück vorgestellt: Die Pestarztmaske von Ingolstadt.
https://link.springer.com/journal/48/28/2

Das Bewusstsein, inmitten eines Pandemiegeschehens historischen Ausmaßes zu stehen, verleiht derzeit sowohl der Forschung in Medizin- und Wissenschaftsgeschichte kräftigen Aufwind, als auch Katastrophen- und Krisenanalysen durch Sozial- und Kulturwissenschaft.  Expert*innen der entsprechenden Forschungsfelder reflektieren in dem „Covid-19 Special“ das eigene Wissensgebiet, setzen den Umgang mit der aktuellen Pandemie in Bezug und arbeiten in ihren Beiträgen neue Fragen und Thesen zur Seuchen- und Pandemiegeschichte heraus. Damit soll gleichzeitig eine wissenschaftliche Diskussion um die historische Sicht sowie die Interpretation der derzeitigen Pandemie angestoßen werden.

Solidarität in der Gesellschaft, Dynamik in der Forschung

Bereits in den 50er-Jahren des vorigen Jahrhunderts wurden insbesondere in den USA viele Feldstudien durchgeführt, die die Reaktionen von Individuen, Organisationen und Gemeinwesen auf Natur- und Technikkatastrophen untersuchten, um praktisches Wissen für den Umgang mit derartigen Krisensituationen zu gewinnen. Anthropolog*innen und Soziolog*innen kamen zu dem Schluss, Menschen würden sich in Katastrophen mehrheitlich rational und solidarisch verhalten und an ihnen sogar wachsen. Diese Vorstellungen seien auch beim aktuellen Umgang mit der Corona-Krise zum Einsatz gekommen, so Cécile Stéphanie Stehrenberger in ihrem Artikel zur „Social Science Disaster Research“. Sie untersucht darin die Rolle sozialer Ungleichheit, die Idee der Katastrophe als „große Enthüllerin“ und das Verhältnis von Katastrophenwissenschaft, Öffentlichkeit und Politik.

Der dringende Bedarf an wissenschaftlichen Erkenntnissen in Medizin, Gesellschaft und Politik zu dem neuartigen Coronavirus führt zu einer Dynamisierung der Forschung, konstatieren Mariacarla Gadebusch Bondio und Maria Marloth. Sie beleuchten in ihrem Beitrag anhand der WHO-Studie SOLIDARITY (2020), an der 45 Länder beteiligt waren, welche Folgen es für die Eigenverantwortung der Forscher*innen hat, wenn relevante Forschungsdaten noch vor ihrer Veröffentlichung zirkulieren, wie teilweise gefordert.

Mit der schnabelförmigen Maske des Pestarztes, der am häufigsten zitierten Bildmetapher für die Pest, beschäftigt sich der Beitrag von Marion Maria Ruisinger. Welche Schutzkleidung wurde zu Seuchenzeiten empfohlen? Und welche Rolle spielte die klischeehaft mit Zeiten der Pest assoziierte Schnabelmaske in der Realität? Eine genauere historische Analyse zeigt, dass „Schnabelärzte“ nur in begrenzten Zeiträumen und Regionen üblich waren. Und die Objektanalyse von einer der wenigen erhaltenen Pestarztmasken – aus dem Deutschen Medizinhistorischen Museum Ingolstadt – wiederum legt nahe, dass diese vermutlich gar nicht als Schutzkleidung in Gebrauch gewesen waren. 

Inhalte des „Covid-19 Specials“

Karen Nolte: Forum COVID-19: Geistes- und sozialwissenschaftliche Perspektiven (Editorial)
Karen Nolte: Pandemie- und Seuchengeschichte als Pflegegeschichte?
Mariacarla Gadebusch Bondio und Maria Marloth: Die „historische Studie“ SOLIDARITY als Antwort der Forschung auf die Sars-CoV-2 Pandemie
Fritz Dross: Vergesellschaftung unter Ansteckenden – für eine Körpergeschichte der Seuche
Cécile Stephanie Stehrenberger: COVID-19 und die Geschichte der sozialwissenschaftlichen Katastrophenforschung
David Rengeling: Die Corona-Pandemie 2020 – über eine allumfassende Prävention hinaus
Marion Maria Ruisinger: Die Pestarztmaske im Deutschen Medizinhistorischen Museum Ingolstadt (Fundstück)

Über NTM – Zeitschrift für Wissenschafts-, Technik- und Medizingeschichte

NTM ist die größte Zeitschrift für Wissenschafts-, Technik- und Medizingeschichte im deutschen Sprachraum. Sie bietet ein internationales Forum für Forschungsbeiträge, Debatten und Rezensionen aus der Geschichte der Natur-, Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften, aus Technik- und Medizingeschichte. Die Beiträge knüpfen an neuere theoretische und methodische Ansätze und Debatten an, erschließen neues empirisches Material oder eröffnen neue Forschungsfelder. NTM wird herausgegeben von Prof. Dr. Heike Weber (Chefredakteurin, Fachgebiet Technikgeschichte, Technische Universität Berlin), Prof. Dr. Bernhard Kleeberg (Fachgebiet Wissenschaftsgeschichte, Universität Erfurt), Prof. Dr. Karen Nolte (Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, Universität Heidelberg), Prof. Dr. Martina Schneider (Fachgebiet Geschichte der Mathematik, Johannes-Gutenberg-Universität Mainz). Der wissenschaftliche Beirat setzt sich aus Expert*innen aus Deutschland, Österreich, Frankreich, Schweden, Großbritannien, Kanada und den USA zusammen. Die Zeitschrift hat eine lange Tradition und wurde 1960 von Gerhard Harig und Alexander Mette in Leipzig gegründet.

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    Einrichtung Fachgebiet Technikwissenschaften