Technische Universität Berlin

Erforschen, wie Kunst gemacht wird

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert die Forschungsgruppe „Dimensionen der techne in den Künsten“, die den künstlerischen Werkprozess untersucht

Kunstwerke werden nicht nur gedacht – sie werden auch gemacht. So selbstverständlich diese Feststellung klingt, so wenig Beachtung hat das Machen von Kunst bislang in der Forschung erfahren. Mit diesem Machen beschäftigt sich die Forschungsgruppe „Dimensionen der techne in den Künsten“, die die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) nun bewilligte. Erste Sprecherin ist Prof. Dr. Magdalena Bushart, Leiterin des Fachgebietes Kunstgeschichte an der TU Berlin, zweite Sprecherin ist Prof. Dr. Karin Leonhard, Professorin für Kunstwissenschaft/Kunstgeschichte an der Universität Konstanz. Die DFG-Forschungsgruppe ist eine Kooperation von TU Berlin, Technischer Universität Dortmund, Goethe-Universität Frankfurt/Main und der Universität Konstanz und wird von der DFG in den nächsten drei Jahren gefördert.

Geheimwissen auf der Spur

In sechs Projekten geht es um künstlerische Werkprozesse und um die Faktoren, die sie ermöglichen. Dazu zählen die Techniken und Materialien, die in der Produktion zum Einsatz kommen, ebenso wie das Verfahrenswissen, das in Texten oder Illustrationen weitergegeben wird, die Kunsttheorie, die die Bewertungsmaßstäbe für technische Leistungen formuliert, und die Narrative, die das künstlerische Handeln mit Bedeutung aufladen. So beschäftigen sich die Projekte mit der Umsetzung zeichnerischer Entwürfe in Druckstöcken beziehungsweise im gedruckten Blatt, mit der Verhandlung von Geheimwissen in den Patenten der Glasbläser von Murano, mit der Rolle von Farbe in der Porträtmalerei, mit Farbsystemen und -ordnungen und mit Textsorten – kunsttheoretischen Schriften, Anwendungsliteratur, Legenden und Anekdoten –, über die sich ein zeitspezifischer Blick auf technisches Können und Wissen beschreiben lässt.

Ziel der Arbeit ist es, künstlerische Produktion als Trias von praktischem Tun, konzeptuellem Wissen und kultureller Verortung zu erfassen und daraus methodische und theoretische Modelle für die Beschäftigung mit dem Kunst-Machen zu entwickeln. „Um dieses Zusammenspiel in seiner Veränderlichkeit beschreiben zu können, haben wir den griechischen Begriff ‚techne‘ gewählt. Er umfasst nicht nur die beiden Bereiche Kunst und Technik, die im Deutschen meist getrennt verhandelt werden, sondern darüber hinaus Aspekte wie die routinierte Handhabung von Werkzeugen oder die Reflexion über das Können, das sich im Artefakt manifestiert“, sagt Prof. Dr. Magdalena Bushart.

Artefakte sind wertvolle Speicher

In der ersten Förderphase liegt der Schwerpunkt der Forschung in der Frühen Neuzeit. „Wir unternehmen aber auch diachrone ‚Probebohrungen‘, um analoge Phänomene für andere Epochen zu identifizieren“, so Bushart. Mit der erweiterten Perspektive auf den künstlerischen Prozess soll den Fragen nach dem Kunst-Machen, die für die Gegenwartskunst selbstverständlich Teil des theoretischen Diskurses sind, auch in der kunstgeschichtlichen Forschung ein zentraler Platz eingeräumt werden. Zugleich hoffen die Wissenschaftler*innen, in Zeiten, in denen sich die Welt der Objekte in digitalen Oberflächen aufzulösen droht, die Aufmerksamkeit zurück auf die Artefakte als Speicher von techne zu lenken.

Interdisziplinarität über Berlin hinaus

Die sechs Projektleiter*innen kommen aus der Kunstgeschichte, der Literaturwissenschaft und der Wissenschaftsgeschichte. Sprecherschaft und Koordination sind zwar in Berlin angesiedelt; ansonsten arbeitet die Forschungsgruppe ortsverteilt. „Wir haben uns bewusst für eine dezentrale Organisation entschieden, um der immer stärker werdenden Aufspaltung in Zentrum und Peripherie entgegen zu wirken und das Thema auch über die Stadt hinaus sichtbar zu machen“, sagt Prof. Dr. Magdalena Bushart. Im ersten Förderjahr wird Berlin als Schwerpunktort fungieren, an dem die öffentlichen Veranstaltungen gebündelt werden, im zweiten Jahr Konstanz und im dritten Jahr Frankfurt. Den Auftakt in Berlin bilden eine Ringvorlesung, in der sich die Gruppe einer interessierten Öffentlichkeit vorstellt, sowie im Sommer 2021 eine Summerschool für den wissenschaftlichen Nachwuchs.

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