Technische Universität Berlin
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Rassismus in der Wissenschaft

Im Gespräch mit Prof. Dr. Maisha M. Auma zum Wissenschaftstag #4GenderStudies

Hunderttausende Menschen demonstrierten dieses Jahr als Teil der #BlackLivesMatter-Bewegung gegen Rassismus und die Diskriminierung Schwarzer Menschen. In Berlin legt der am 18. Dezember 2020 zum vierten Mal im deutschsprachigen Raum stattfindende Wissenschaftstag #4GenderStudies ebenfalls den Fokus auf die Intersektion von „gender & race“. Wie können sich die Gender Studies einbringen, wenn es um rassistische Strukturen in der Wissenschaft und Formen des Widerstands geht?

Prof. Dr. Maisha M. Auma ist Erziehungswissenschaftlerin mit den Arbeitsschwerpunkten Diversität, Rassismuskritik, Dekolonialität sowie Intersektionalität und vertritt im Sommer- und Wintersemester 2020/21 die Professur von Sabine Hark, Leiterin des Zentrums für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung (ZIFG) der TU Berlin. Anlässlich des Wissenschaftstages #4GenderStudies wird sie dieser Frage im Online-Gespräch mit Soziologin Dr. Céline Barry nachgehen. Im Interview gibt sie bereits erste Einblicke.

Frau Auma, „Von #BlackLivesMatter zu Intersectional Black Studies“ ist der Titel Ihrer Online-Veranstaltung zusammen mit ihrer Kollegin Dr. Céline Barry zum Wissenschaftstag an der TU Berlin. Wie stehen aus Ihrer Sicht die universitäre Wissenschaft und Lehre in Deutschland zu diesen Themen?

Die zahlreichen mit der #BlackLivesMatter-Bewegung solidarisierenden Statements vieler Universitäten und Hochschulen im deutschsprachigen Raum waren für mich ein hoffnungsvolles Zeichen. Die meisten stammten aus dem Kontext der Gender Studies. Die Tötung des 46-Jährigen George Floyd in den USA und die Veröffentlichung des Videos durch die 17-Jährige Zeugin Darnella Frazier führten zu einem Moment des Innehaltens. Dieser Moment hat einen weiteren gemeinsamen Erfahrungsraum hervorgebracht, nämlich eine beginnende breite Akzeptanz für die Notwendigkeit Rassismuskritik zu thematisieren. Mit Blick auf unser universitäres Umfeld müssen wir nach Marginalisierungen, Exklusionen und Ungerechtigkeiten in den Routinen unserer Institutionen fragen. Nach 20 Jahren Gender-Mainstreaming im EU-Kontext wissen wir, dass guter Wille alleine und die Illusion von Neutralität nicht ausreichen, um gegen Ungleichheitsverhältnisse anzugehen. Rassistisch marginalisierte Menschen fehlen in den Entscheidungsroutinen des Hochschullebens. Wir müssen fragen, warum das so bleibt.

Häufig wird unter Gender Studies nur die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der sexuellen Orientierung verstanden. Wie wichtig ist die Betonung der intersektionalen Ansätze?

Sie ist sehr wichtig. Die inzwischen 7-jährige #BlackLivesMatter-Bewegung wurde zum Beispiel durch drei schwarze, feministische als queer positionierte Aktivistinnen ins Leben gerufen. Die intersektionale Kritik an der Normalisierung von Anti-Schwarzem Rassismus zielt auf gesamtgesellschaftliche Veränderungen mit mehr Schutz für rassistisch dehumanisierte Menschen, auf ökonomische Gerechtigkeit durch Umverteilung und auf Solidarisierungen mit anderen rassistisch markierten Gemeinschaften. Ebenso hat es eine hohe Relevanz für aktuell anstehende gesellschaftliche Analysen der Marginalisierungsrealitäten derjenigen sozialen Gruppen, die unseren Alltag sichern und als systemrelevant eingestuft werden, aber reell nur über sehr geringe Wahlmöglichkeiten verfügen. Daraus ergeben sich neue Schwerpunkte der intersektional-rassismuskritischen Geschlechterforschung und neue Konzeptionen von Gerechtigkeit.

Was können die Gender Studies leisten, wenn es um Rassismus in der Wissenschaft geht und in der Diskussion um postkoloniale Bewegungen?

Rassistisch oder durch Kolonialität geprägte Strukturen sind historisch institutionalisierte Ungerechtigkeiten, auch im deutschsprachigen universitären Raum. Dazu gibt es bereits wissenschaftskritische Arbeiten aus den Geschlechterstudien. Gerade aus dekolonialer Perspektive können die Gender Studies durch ihre Netzwerke und wissenspolitischen Bündnisse neue Räume für marginalisierte Wissensperspektiven und rassistisch marginalisierten Akteur*innen eröffnen. Gerade deshalb diskutieren wir zum Wissenschaftstag das bisherige Fehlen von Studienschwerpunkten, Zertifikaten und Studiengängen zu Black Studies als entscheidendes Wissensfeld der Rassismuskritik im deutschsprachigen Raum. Wir wollen gemeinsam ausloten, was es braucht, um rassistisch marginalisierte Wissensproduktionen und Weltauslegungen einen dauerhaften Raum in der Akademie zu verschaffen.

Das Interview führte Romina Becker.

Über Prof. Dr. Maisha M. Auma

Prof. Dr. Maisha M. Auma ist Erziehungswissenschaftlerin mit den Arbeitsschwerpunkten Diversität, Rassismuskritik, Dekolonialität und Intersektionalität. Seit 2008 ist sie Professorin für Kindheit und Differenz (Diversity Studies) an der Hochschule Magdeburg-Stendal, am Standort Stendal. Sie war Gastprofessorin für Gender/Diversity Studies und Erziehungswissenschaften am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien (ZtG) der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie vertritt im SoSe 2020 und im WiSe 2020/21 die Professur für Interdisziplinäre Frauen und Geschlechterforschung am Zentrum für Interdisziplinäre Frauen und Geschlechterforschung an der der Technischen Universität Berlin. Sie ist seit 1993 bei ADEFRA e.V. Schwarze Frauen in Deutschland aktiv und begleitet fachlich mit ihrem wissenschaftlichen Team, die UN-Dekade für Menschen afrikanischer Herkunft (2015-2024) für den Berliner Senat.

Veranstaltung im Rahmen des Aktionstages #4GenderStudies

Das Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung der TU Berlin beteiligt sich am Wissenschaftstag mit dem Online-Gespräch zwischen Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Maisha M. Auma und Soziologin Dr. Céline Barry zum Thema „Von #BlackLivesMatter zu Intersectional Black Studies. Struktureller Rassismus und seine Intersektionen, vielschichtige Übersetzungen aus Sicht der deutschsprachigen Gender Studies.“