Bauen mit kreislaufgerechten Ressourcen in regionalen Netzwerken

Sina Jansen und Eike Roswag-Klinge über die internationale sbe22-Konferenz an der TU Berlin, die der Ausplünderung der Erde durch den Bausektor Einhalt gebieten will

Frau Jansen, Herr Prof. Roswag-Klinge, 2023 soll auf dem TU-Campus mit dem Bau eines Museumspavillons begonnen werden. Er steht für das Planen und Bauen in planetaren Grenzen. Das ist auch das Thema der internationalen Konferenz sbe22 im September, die Ihr Fachgebiet Natural Building Lab ausrichtet. Warum ist dieser Museumspavillon ein Beispiel für das Planen und Bauen in planetaren Grenzen?

Eike Roswag-Klinge: Er steht für ein kreislaufgerechtes Bauen. Das Tragwerk, die Außenwände und Decken werden aus Altholz sein. Wir verzichten also weitestgehend darauf, der Erde Ressourcen zu entnehmen. Auch die Gründung wird aus recyceltem Material bestehen und nicht mehr aus Beton. Denn besonders bei der Betonherstellung entstehen enorme Mengen an CO2. Zudem wird der Pavillon ein Lowtech-Gebäude sein. Wir wollen zeigen, dass Gebäude in unserer Klimaregion durch kluge Konstruktion ohne aufwendige Klima- und Lüftungstechnik auskommen können. Auch das spart Ressourcen – vor allem im Betrieb des Gebäudes.

Was war am Planungsprozess neu?

Sina Jansen: Wir haben uns dagegen entschieden, den Pavillon im Rahmen eines klassischen Architekturwettbewerbs zu konzipieren. In einem solchen Wettbewerb arbeiten Büros abgeschottet voneinander gegeneinander, und eine Jury verkündet unter Ausschluss der Öffentlichkeit einen Siegerentwurf, der noch nicht einmal zwingend umgesetzt werden muss. Wir konzipierten und planten den Pavillon dagegen als Reallabor für das Planen und Bauen in planetaren Grenzen aus der Universität heraus: Das bedeutete, dass ein inter-und transdisziplinäres studentisches Projektbüro aus den Bereichen Architektur, Stadtplanung, Landschaftsgestaltung und Bauingenieurwesen in Kooperation mit einem Fachbeirat von Expertinnen und Experten aus der Wissenschaft, Politik, Kultur und Zivilgesellschaft in einem offenen Planungsprozess gemeinsam einen integrativen Entwurf für das Gebäude und den umliegenden Campus erarbeitete – und das immer auch aus der Perspektive der Nutzerinnen und Nutzer. Die studentische Vorplanung wurde im April 2022 an ein Generalplaner*innenteam aus Architekt*innen, Landschaftsarchitekt*innen, Fachplaner*innen und Ausstellungsgestalter*innen übergeben und nun bis 2026 realisiert. Das Projekt wird aber auch weiterhin von Lehrveranstaltungen und Forschungsprojekten begleitet und der Pavillon das Ergebnis einer neuartigen Zusammenarbeit von Forschung, Lehre und Praxis.

Die sbe22-Konferenz wird sich angesichts des Klimawandels mit der Transformation des Bausektors beschäftigen. Was muss geändert werden?

Roswag-Klinge: Der Bausektor ist für 40 Prozent des CO2-Ausstoßes, für 60 Prozent des Müllaufkommens und für 50 Prozent des Verkehrs in Deutschland verantwortlich. Bauen ist also bislang ein gigantischer Eingriff in die Natur, der beendet werden muss, wenn die Menschheit sich nicht Ihres Lebensraumes berauben will. Um den Erhalt des Planeten zu ermöglichen, müssen neben der Klimagasneutralität auch die Entnahmen von Rohstoffen laut Umwelt-Bundesamt um 60 Prozent reduziert werden. Das Gebot der Stunde lautet deshalb strikte Kreislaufwirtschaft im Bausektor. Wir können keine neuen Wohnsiedlungen mehr auf die grüne Wiese setzen, sondern müssen den Bestand effizient nutzen und in Deutschland die Wohnfläche pro Kopf von 50 auf 40 Quadratmeter reduzieren. Dass in Berlin sogar neue Hochhäuser gebaut und weiter geplant werden, halte ich für absurd. Eines der Leitthemen der Konferenz wird sein, das Bauen in regionalen Kontexten und regionalen Netzwerken neu zu denken. Das meint, dass lokale Ressourcen wie Lehm und nachwachsende Rohstoffe wie Bambus und Holz genutzt werden sollen, um die gebaute Umwelt nicht mehr in Beton zu gießen. Damit eng verflochten ist ein anderes zentrales Thema der Konferenz: die Organisation des Bausektors in regionalen Netzwerken, um Rohstoffe und Materialien für das Bauen nicht mehr von Kontinent zu Kontinent zu transportieren.

Jansen: … und Reallabore wie der TU-Museumspavillon sind geeignete Orte, solche Ideen in der Praxis zu erproben und anwendbare Leitlinien zu formulieren. Den Bausektor so zu transformieren, dass er bis 2050 klimaneutral ist, dafür bleibt nicht mehr viel Zeit. Wir denken, dass Reallabore schnell anwendbares Wissen produzieren können. Den Planungsprozess für den Pavillon dokumentieren wir als Methode, die offen zugänglich für alle sein soll.

Wie stellen Sie sich an Ihrem Fachgebiet der Herausforderung, Architekten auszubilden, die in der Lage sind, die Transformation mitzugestalten?

Roswag-Klinge: Ich möchte die Studierenden zu kollaborativem, integriertem Arbeiten befähigen, für die der Austausch mit der Gesellschaft wesentlich ist, und ermuntere sie, die Lehre als ein großes Experimentierfeld zu begreifen. Den Pfad, Architekten auszubilden, die mit ihrer Autorenschaft alles überstrahlen und auratische Unikate bauen, haben wir verlassen.

Jansen: Nach meinem Bachelor an der TU Berlin kam ich für den Master an das Natural Building Lab. Hier wurde ich damit konfrontiert, dass es nicht vorrangig darum geht, ein ästhetisches Produkt aus meiner singulären Perspektive zu entwerfen, sondern an einem realen Ort mit realen Menschen eine reale Aufgabe zu lösen. Das war eine grundstürzende Erfahrung für mich.

Das Gespräch führte Sybille Nitsche.