Roter Punkt bedeutet: für Schlaganfallpatienten nicht geeignet

Reinhard Busse und Christoph Pross über die richtigen Daten für einen Klinikatlas, dessen intuitive Gestaltung, altes Denken und die Diskrepanz zwischen deutscher Krankenhausstruktur und moderner Medizin

Herr Prof. Busse, Herr Dr. Pross, ab 1. Mai 2024 soll ein sogenannter Klinikatlas zur Verfügung stehen, der den Bürgerinnen und Bürgern dabei helfen möchte, für die bevorstehende OP das geeignetste Krankenhaus zu finden. Ausgehend von Ihrer Auswertung von 1700 Qualitätsberichten von deutschen Kliniken und der Daten des wissenschaftlichen Instituts der AOK – welche Daten sollten Ihrer Meinung nach im Atlas zu finden sein, damit ich als Patient beziehungsweise Patientin das für meine Diagnose passende Krankenhaus finde?

Reinhard Busse: Daten zur Strukturqualität, Prozessqualität und Ergebnisqualität. Unter Strukturqualität versteht man die medizinisch-technische Ausstattung, also ob eine Klinik einen Linksherzkatheter für Herzinfarktpatient*innen oder ein CT hat, eine auf Schlaganfälle spezialisierte Abteilung besitzt oder als Krebszentrum zertifiziert ist. Prozessqualität meint, ob zum Beispiel bei einer Hüft-OP die Patient*innen bereits am ersten Tag mobilisiert wird. Und Ergebnisqualität widerspiegelt die Anzahl der Todesfälle, der Komplikationen, Wiederholungen einer OP wegen Komplikationen, Fehllage eines Implantats und so weiter.

Christoph Pross: Das sind aber nur die klinischen Ergebnisse. Wichtig wären auch die auf Patientenberichten beruhenden Ergebnisse: Aussagen über Schmerzfreiheit und Beweglichkeit nach einer Knieimplantation, darüber, wie schnell man wieder arbeitsfähig war und wie gut oder schlecht man wieder seinem Sozialleben nachgehen kann. Die Erhebung solcher patientenbasierten Daten ist in Deutschland aber noch nicht weit ausgeprägt. Deshalb ist das für uns am Fachgebiet Management im Gesundheitswesen auch ein wichtiges Forschungsthema.

Der Klinikatlas ist Teil des Krankenhaustransparenzgesetzes, das noch am 22. März 2024 vom Bundesrat bestätigt werden muss. Es gibt jedoch nicht unbedeutende Stimmen, die einen solchen Klinikatlas für überflüssig halten. Sie argumentieren, dass diese Daten längst zur Verfügung stünden? Was entgegnen Sie?

Busse: Ja, viele Daten sind vorhanden. Aber es ist nicht so, dass sie übersichtlich an einer Stelle liegen und so aufbereitet sind, dass sie für eine Nicht-Mediziner*in wirklich schnell hilfreich sind. Es gibt viele Datensilos, die nicht zu nützlichen Informationen verknüpft sind oder anders gesagt: Viele Daten ergeben noch lange keine gute Information. Deshalb plädiere ich zum Beispiel dafür, dass Kliniken, die keine Stroke Unit haben, mit einem roten Punkt im Klinikatlas gekennzeichnet werden, sodass man sofort weiß: Klinik für Schlaganfallpatient*innen nicht geeignet. Warum? – Mit unserer Studie konnten wir zeigen, dass die Menschen einen konkreten Nutzen haben, wenn ihnen valide Informationen über die Qualität einer Klinik vorliegen – zum Beispiel, dass die Sterblichkeit bei Herzinfarkt und Schlaganfall um 30 Prozent geringer ist, wenn die Patient*inne in ein passendes Krankenhaus geht, anstatt ins schlechtere. Oder die Gefahr einer Fehllage des Implantats in einer für die Erstimplantation von künstlichen Hüftgelenken versierten Klinik um 50 Prozent geringer ist als in einer Klinik, die damit kaum Erfahrung hat. Also, wenn Patienten sich vor Operationen im Klinikatlas schlau machen, dann hätten wir tausende Komplikationen weniger.

Pross: Auch können und sollten Daten in dem Klinikatlas zugänglich gemacht werden, die bislang nicht verfügbar sind wie zum Beispiel die Krankenkassendaten, die wir für unsere Studie auch nutzten. Aus ihnen ist ablesbar, ob eine Patientin nach einer Hüft-OP drei Monate später in einem anderen Krankenhaus zu einer Nachbehandlung war. Das geht aus den Qualitätsberichten einer Klinik natürlich nicht hervor. Wichtig wäre aber auch, dass niedergelassene Spezialistinnen und Spezialisten diesen Klinikatlas heranziehen und mit den Patient*innen über die dortigen Angaben sprechen, wenn eine Einweisung in ein Krankenhaus ansteht. Auch eine landesweite Aufklärungskampagne über die Daten und den Klinikatlas wäre hilfreich, um beides publik zu machen.

Herr Prof. Busse, obwohl Sie den Klinikatlas befürworten, ist er nicht ganz das, was Ihnen vorschwebte, um die Krankenhauslandschaft zu reformieren.

Busse: Ja, ich sehe darin eher ein Vehikel für die notwendige Reform. Wir brauchen in Deutschland eine moderne und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung. Um das zu erreichen, hatte die Regierungskommission, deren Mitglied ich bin, vorgeschlagen, die Krankenhäuser in drei Level einzuteilen: Level 1 wären Kliniken für die integrierte ambulant-stationäre Versorgung und in ländlichen Gebieten Kliniken für die regionale Sicherstellung der stationären internistischen und chirurgischen Basisversorgung sowie Notfälle zur Gewährleistung der Grundversorgung. Level 2 wären Standorte für die Regel- und Schwerpunktversorgung, also „allgemeine Krankenhäuser“, wie es sie überall auf der Welt gibt, und Level 3 für die Maximalversorgung einschließlich der Universitätskliniken. Die Einteilung in diese drei Level – Grundversorgung, Regel- und Schwerpunktversorgung und Maximalversorgung – kommt nun erst einmal nicht.

Warum?

Busse: … weil die Länder – mit Unterstützung der Deutschen Krankenhausgesellschaft – diesen wesentlichen Reformteil ablehnten.

Und warum wäre diese Einteilung besser gewesen?

Busse: … weil das noch zu verabschiedende Krankenhaustransparenzgesetz, inklusive Klinikatlas, ein Kernproblem im deutschen Gesundheitswesen nicht löst, nämlich, dass es hierzulande zu viele Krankenhäuser mit zu vielen Betten gibt. Das hat zur Folge, dass erstens Patient*innen, die wirklich in ein Krankenhaus müssen, zu häufig in das nächstgelegene kommen und nicht in das für ihre Diagnose adäquat ausgestatte Krankenhaus. Kurz gesagt: Zu viele landen im falschen Krankenhaus. Und zweitens: Es gibt zu viele unnötige Krankenhauseinweisungen. Warum in Deutschland Patienten mit Bluthochdruck in eine Klinik kommen, können Sie im Ausland niemandem erklären. Diese Fehlbelegungen, daraus resultierende schlechte Qualität, ineffizienter Einsatz des Pflegepersonals und damit einhergehende unnötige Kosten, könnten mit der Zuordnung der Kliniken zu diesen drei Levels vermieden werden. Das hätte ein Regelwerk geschaffen für eine rationale Krankenhausplanung, die vom Bedarf der Patienten in einem Landkreis ausgeht. Momentan ist es leider noch so, dass die Krankenhausplanung von den Interessen der Krankenhäuser getrieben ist, damit es den Krankenhäusern gutgeht.

Warum ist es so schwer, dass in Deutschland eine rationale Krankenhausplanung Gehör findet?

Busse: Da muss man zurückblicken. Vor 50 Jahren war die Medizin noch eine andere. Krebs hat man da praktisch kaum behandeln können. Deshalb gab es keine Krebszentren. Einen Herzkatheter kannte man noch nicht. Patienten mit einem Herzinfarkt wurde Bettruhe verordnet und entweder überlebte sie ihn oder nicht. So ein Bett konnte überall stehen. Nun hat sich die Medizin drastisch verändert, die Krankenhausstruktur in Deutschland aber hat sich noch nicht an die moderne Medizin mit spezialisierter technischer Ausstattung und 24-Stunden-7-Tage-die-Woche-Verfügbarkeit auch des Fachpersonals angepasst wie das in anderen Ländern der Fall ist. Wir stehen in Deutschland vor der fundamentalen Herausforderung, die deutsche Krankenhauslandschaft fit zu machen für die moderne Medizin.

Pross: Das Problem ist, dass viele Kliniken alles machen. Wenn ein Krankenhaus kein zertifiziertes Krebszentrum hat, dann sollte es bestimmte Krebsbehandlungen nicht durchführen und sich besser auf einen anderen Schwerpunkt spezialisieren zum Beispiel auf ambulante orthopädische Eingriffe. Auch ist in Deutschland immer noch ein Denken vorhanden, dass aus wissenschaftlicher Sicht verneint werden kann: Krankenhaus ist gut und langer Aufenthalt ist noch besser. Bei einer totalen Knieoperation bleibt in Deutschland der Patient durchschnittlich 7,7 Tage im Krankenhaus. Im übrigen Europa eher drei Tage. Glücklicherweise hat sich bei den Patienten durch die Pandemie ein leichter Bewusstseinswandel eingestellt – in die richtige Richtung: Man muss nicht für alles ins Krankenhaus. Man muss eigentlich für die wenigsten Sachen ins Krankenhaus.

Das Interview führte Sybille Nitsche.