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Konflikte besser verstehen

Architektursoziologin Martina Löw über Nationalstaatlichkeit versus Globalisierung, die Gleichzeitigkeit verschiedener Entwicklungen von Räumen und die Abkehr von eurozentristischen Theoriemodellen

Frau Prof. Löw, in der zweiten Förderphase des Sonderforschungsbereichs „Re-Figuration von Räumen“ soll ein Schwerpunkt auf der Rolle von Konflikten in den Prozessen der Raumkonstruktion liegen. Um welche Konflikte handelt es sich?

… unter anderen um sozioökonomische Konflikte in Städten wie zum Beispiel um jene auf den Wohnungsmärkten. Für die einen bedeutet Wohnung ihr Zuhause und vielleicht auch ihre Rentenvorsorge. Für andere sind Wohnungen Spekulationsobjekte, um maximale Gewinne zu erzielen. Mit dem Wohnen verbinden sich also sehr unterschiedliche Interessen, die besonders in Großstädten aufeinanderprallen und zu Kämpfen um Räume führen. Ein anderer Konflikt ist der, dass das Raumprinzip des Nationalstaates in Konkurrenz steht zur Globalisierung und zum Internet. Angesichts von starken Migrationsbewegungen und der Pandemie entwickeln sich sehr viele Konflikte entlang der Frage, welches Raumprinzip das politisch entscheidende sein soll – die Öffnung des Nationalstaates oder die Schließung. In der zweiten Phase des Sonderforschungsbereichs wird also ein wichtiger Punkt sein zu untersuchen, auf welches Raumprinzip vertraut wird. Und dann gibt es neben diesen geopolitischen Auseinandersetzungen zum Beispiel auch noch die Konflikte bezüglich der Klimagerechtigkeit.

Welche konkreten Konflikte tun sich da auf?

Der Klimawandel ist ein globales Problem und wenn man wie wir im Sonderforschungsbereich Räume betrachtet, stößt man auf die Frage, inwieweit die Menschen in der Lage sind, in vernetzten Weltenräumen zu denken oder imaginieren wir doch wieder sehr schnell territorialstaatliche Räume. Der Klimawandel braucht aber weltumspannende Raumfantasien und Raumbezüge. Konflikthaft ist hierbei nicht nur der Raum, sondern auch das Generationsverhältnis. Da geht es um die Frage, wer bereit ist, welche Veränderungen vorzunehmen, um das Klima zu schützen. Soziale Bewegungen wie Fridays for Future werfen der älteren Generation vor, bislang zu wenig getan zu haben und ein verdorbenes Erbe zu hinterlassen.

Um Ähnlichkeiten und Unterschiede, aber auch die vielfachen Verflechtungen der Räume, die Sie weltweit in sehr verschiedenen Gesellschaften untersuchen, in den Blick zu nehmen, verfolgt der Sonderforschungsbereich die vergleichende Perspektive der „multiple spatialities“. Was ist darunter zu verstehen?

Da wir im Sonderforschungsbereich die Veränderung von räumlichen Gefügen in den letzten Jahrzehnten weltweit betrachten, kann Forschung heute nicht mehr so betrieben werden, dass für Europa ein Theoriemodell entwickelt und dann versucht wird, dieses Modell auf die ganze Welt zu übertragen. Warum? – Weil wir weltweit sowohl ähnliche als auch verschiedene Raumentwicklungen beobachten, die sich gleichzeitig vollziehen. Und diese verschiedenen gleichzeitigen Raumentwicklungen zueinander in Beziehung zu setzen und zu vergleichen, das ist mit „multiple spatialities“ gemeint.Wir haben nicht einfach nur einen Prozess der Refiguration, sondern Globalisierung, Digitalisierung, Vernetzung können sich zum Beispiel in einer Mittelschichtfamilie in Nairobi anders als bei einer in Berlin zeigen. Sie können aber auch überraschend ähnlich sein und sich zwischen Berlin und München unterscheiden. Wir werden in der zweiten Phase unsere Untersuchungsorte ausweiten auf Westafrika, Indien, China und Peru und dort anhand konkreter Fragestellungen Tiefenbohrungen in den dortigen Gesellschaften vornehmen, natürlich immer unter dem Aspekt räumlicher Veränderungen und in enger Kooperation mit Kollegen vor Ort. Auch die südkoreanische Stadt New Sondgo City ist für Refiguration ein gutes Beispiel.

Inwiefern?

New Sondgo City ist eine Retortenstadt, keine gewachsene Stadt, rational am Computer geplant und damals, als sie um 2000 gebaut wurde, so etwas wie der Inbegriff einer Smart City. Innerhalb kürzester Zeit wurde hier die Vision einer Stadt im digitalen Zeitalter umgesetzt. Entstanden ist eine hochtechnologisierte Stadt mit den Vorteilen von Sicherheit, Sauberkeit und Komfort. Die Menschen leben dort nun im Spannungsfeld von individualistischen und kollektivistischen Tendenzen, von Überwachung und Privatheit. Die dominante Architektur des Apartmentbaus in New Sondgo City orientiert sich an der Kleinfamilie. Da ist für andere Lebensentwürfe kaum Platz. Dagegen regt sich nun Widerstand, und wir wollen uns diese soziokulturellen Konflikte genauer anschauen und vergleichen, wie sich Entwicklungen von Städten hin zu Smart Cities andernorts in der Welt vollziehen.

Eine Pointe des Sfb sei es, Veränderungen im räumlichen Wissen, räumlichen Handeln und räumlichen Strukturen weltweit so zueinander ins Verhältnis zu setzen, dass ein umfassendes Bild der Umordnung des Sozialen entsteht. Das müssen Sie bitte erläutern?

Seit den 1970er-Jahren und dann noch einmal in den 1990er-Jahren haben Gesellschaften einen intensiven Wandel erfahren. Wir müssen jedoch zur Kenntnis nehmen, dass wir mit den alten Beschreibungen der modernen Gesellschaft, als auf Rationalität, Säkularisierung und Bürokratie basierenden Nationalstaaten, dynamische weltweite soziale Vernetzung mehr ausreichend erfassen können. Das hat mit der Globalisierung und Digitalisierung zu tun. Wir leben, handeln, denken relationaler. Um genau diese Veränderungen beschreiben zu können, haben wir den Fokus auf den Wandel von Räumen gewählt, wir nennen es die Re-Figuration von Räumen. Das ist jedoch keine zufällige Wahl, sondern benennt, dass sich Raumfiguren und Figurationen des Sozialen mit Globalisierung und Digitalisierung wandeln. Unsere Gewohnheiten, wie wir Räume strukturieren und ordnen, ändern sich. Da wären wir wieder bei der Frage, nach der Rolle der Nationalstaatlichkeit in einer globalisierten, digitalisierten und vom globalen Klimawandel betroffenen Welt. Das ist die Makrodimension. Wir schauen uns aber auch das Handeln der Menschen an, die ganz subjektiven Dynamiken, Gefühlslagen, Fantasien und Imaginationen des Alltags. Das setzen wir zueinander in Beziehung, weil wir davon ausgehen, dass die objektivierte strukturelle und die subjektive Seite von Globalisierung und Digitalisierung aufeinander bezogen sind.

Bitte vervollständigen Sie den Satz „Das umfängliche Wissen, das im Sonderforschungsbereich produziert wurde und wird, kann helfen …“

… tiefliegende Dimensionen von Konflikten verstehen zu können und lösbar zu machen. Wenn wir zum Beispiel eine starke Migration beobachten und es gibt den Konflikt zwischen Schließung und Öffnung der Grenzen, ist dies ja auch ein Konflikt zwischen zwei verschiedenen Raummodellen. Und wenn wir nicht über die Raummodelle sprechen, die da in Konflikt geraten, können wir uns auch nicht annähern und vielleicht in einer dritten Raumstruktur eine Lösung finden.


Das Interview führte Sybille Nitsche.