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„Es geht um Gerechtigkeit und nicht darum, dass Frauen besser sind“

Gastprofessorin Heide Baumann und ihr anderer Blick auf den Machtanspruch der Geschlechter

Sie kennt sie alle, die Wohlfühlgeschichten über Frauen, die die empfindsameren Chefs seien, über weibliche Solidarität und Frauen, die Unternehmen innovativer machen würden. Genauso geläufig sind ihr all die Geschichten, die das Gegenteil besagen. Geschichten darüber, dass Frauen gar keine Ambitionen auf Macht und Führung hätten und es im Geschlechterkampf sowieso nichts mehr zu erkämpfen gäbe.

Sie kennt sie zum einen aus eigener Erfahrung. Seit Beginn ihrer beruflichen Laufbahn ist Prof. Dr. Heide Baumann immer in leitender Funktion tätig gewesen – zuletzt bei Vodafone Deutschland, dort verantwortlich für den gesamten Kundenservice mit tausenden Kolleginnen und Kollegen. Zum anderen hat sie sich mit dem Thema der Geschlechter in der Wirtschaft wissenschaftlich auseinandergesetzt. In ihrer Dissertation über Narrative von Frauen in Führungspositionen in Unternehmen in Deutschland und Großbritannien wertete sie über 700 Publikationen und Studien aus. Ihr Fazit: Der Forschungsstand ist extrem kontrovers. Wissenschaftlicher Konsens – Fehlanzeige. Zu jedem Narrativ, das mit einer Studie untermauert wird, gibt es die gegenteilige ebenfalls von einer Studie belegte Erzählung. Eine Kulturkritik nennt sie ihre Doktorarbeit, die sie berufsbegleitend an der Universität Cambridge zwischen 2015-2020 schrieb. „Eine Kulturkritik jedoch nicht im Sinne von Kulturpessimismus, sondern im Sinne von kritischem Denken, alte Phänomene neu und anders zu befragen, um Lösungen zu finden“, sagt Heide Baumann.

Im Rahmen ihrer Gastprofessur am TU-Fachgebiet Technologie- und Innovationsmanagement will sie dieses kritische Denken mit Studierenden praktizieren und provozieren. „Zu welchen Konsequenzen führen uns empirische Studien, die sagen, Frauen leiten gar nicht so anders als Männer? Oder was folgt daraus, dass es vermeintlich einen geschäftlichen Grund gäbe, mehr Frauen im Unternehmen zu haben, weil die Firmenergebnisse dann besser werden würden – diese Prämisse aber auf einer Studie beruht, die keiner wissenschaftlichen Prüfung standhält, sie dennoch unverdrossen als Beleg herangezogen wird, warum mehr Frauen in eine Firma gehörten“, zählt Heide Baumann Fakten auf, die liebgewonnene Gewissheiten ins Wanken bringen und fragt, warum der Anspruch von Frauen auf Führungspositionen wieder und wieder damit begründet werde, dass sie angeblich Alleskönnerinnen seien: sexy Frau, treusorgende Mutter und Gattin, coole Chefin, überlegene Führungskraft und engagierte Bürgerin. Für sie führt dieses Narrativ der Superheldin zwangsläufig dazu, dass Frauen diesem Anspruch nicht gerecht werden können.

Heide Baumann möchte eine andere Diskussion führen. „Wenn Führungspositionen paritätisch mit Frauen besetzt sein sollen, dann begründet sich das nicht damit, dass sie vermeintlich übermenschliche Fähigkeiten hätten, besser oder anders sind als Männer, um dafür in Frage zu kommen, sondern weil es sozial gerecht ist. Frauen stellen die Hälfte der Bevölkerung und warum sollte diese Hälfte der Bevölkerung nicht den gleichen Zugang zu ökonomischen Räumen haben.“ Ihr Ansatz, dass es bei der Frage Frauen in Führungspositionen nur um soziale Gerechtigkeit gehen kann, verabschiedet sich von der fortwährenden Konstruktion von Narrativen und Gegennarrativen.

Chefin von 1400 Ingenieuren

Sie war gerade einmal 29, als sie 2002 damit betraut wurde, in Wien einen Mobilfunkbetreiber aufzubauen. Heute ist das Unternehmen in Österreich einer der drei etablierten Netzbetreiber. Es folgten Stationen bei unterschiedlichsten transnationalen Unternehmen wie British Telecom, Liberty Global, einem der größten Breitbandanbieter weltweit, und Microsoft Deutschland. Sie durchlief eine große Breite funktionaler Bereiche: Strategie, Geschäftsentwicklung, Marketing, Produktmanagement, Finanzen, Technologie und Kundendienst. Als Chefin von 1400 Ingenieuren war sie 2012 war sie dafür verantwortlich, wesentliche Elemente der digitalen Infrastruktur für die Olympischen Spiele in London erfolgreich aufzubauen. Das alles unter hohem Kostendruck; Heide Baumann musste unter anderem 400 Mitarbeiter umschulen. „Nebenbei“ war sie mit ihrem zweiten Kind schwanger. Die 49-Jährige macht keinen Hehl daraus, dass ihre beiden Kinder zwar keinen Knick der Karriere bedeuteten, ihr aber einen Dämpfer versetzten. „Die Position, für die ich bereits 2010 im Gespräch war, bekam ich erst 2019.“

Eine Powerfrau?

Ihr berufliches Fortkommen verwob sie mit immer neuen akademischen Ausbildungen und Qualifizierungen. Vier Master kann sie vorweisen, eine Approbation als Psychotherapeutin, eine Promotion und nun eine Gastprofessur im TU-Programm „Joint Programmes for Female Scientists & Professionals“, das promovierten Frauen aus der Wirtschaft stärkere Vernetzung in die akademische Welt und die Möglichkeit geben soll, ihre Erfahrungen an Studierende und den wissenschaftlichen Nachwuchs weiterzugeben.

Eine Powerfrau also? Den Begriff mag sie gar nicht, aber ja, ihr Energielevel sei hoch. „Ich muss immer was achieven und sei es nur, den leeren Kühlschrank aufzufüllen.“ Nach 20 Jahren in London spricht sie zuweilen ein lustiges deutsch-englisches Miteinander. Studiert hat sie unter anderem in Leipzig. Aufgewachsen im Badischen Dreiländereck bei Basel zog es sie 1992 in die sächsische Messestadt. An der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur studierte sie Verlagsherstellung, um zu lernen, „wie man schöne Bücher macht“.

Frauensolidarität nötig

Als weibliche Führungskraft in großen deutschen Unternehmen war Heide Baumann nach wie vor eher die Ausnahme. Es geht in Deutschland nur schleppend voran. 2021 lag der Anteil von Frauen in den Vorständen der 100 größten deutschen Unternehmen bei 16,4 Prozent. Doch wenn Frauen gar nicht die besseren Führungskräfte sind, Frauen aber nach wie vor weniger verdienen als Männer, wäre da der Kampf um bessere und gleichberechtigte Bezahlung nicht wichtiger? „In der Führungsebene wird nun einmal über die Bezahlung entschieden und wenn es dort kein Denken über Themen wie den Gender-Pay-Gap gibt, der übrigens mit steigender Position zwischen Männern und Frauen immer größer wird, ändert sich nichts.“ Traurige Realität sei nach wie vor, dass ohne Quoten und Druck sich nichts bewege. In einem durchmischten Team würden die Chancen größer, dass auf die Berücksichtigung der Belange auch anderer Gruppen Wert gelegt werde.

Frauensolidarität also, die es bewerkstelligen soll. Heide Baumann weiß – auch aus ihrer Forschung –, dass Frauenrechte nicht automatisch am besten in Frauenhänden aufgehoben sind. So schreibt Sheryl Sandberg, Chief Operating Officer von vormals Facebook, dass Frauen sich „reinlehen“ sollten, um Karriere machen, beschreibt „leaning in“ allerdings paradoxisch als ein, „in Stöckelschuhen rückwärts durch ein Minenfeld gehen“; dies sei nun einmal der zu zahlende Preis. Und von Premierministerinnen und Bundeskanzlerinnen wie Theresa May und Angela Merkel ist auch nicht bekannt, dass sie etwa im Nebenjob als Frauenrechtlerinnen unterwegs gewesen seien. Die Lage ist komplex. Heide Baumann mag genau das.

Autorin: Sybille Nitsche