Bewahrte Pracht

Die Schaugärten der TU Berlin auf dem ehemaligen Gelände der Königlichen Gärtnerlehranstalt in Dahlem

Nicht nur, dass der eisenhutblättrige japanische Ahorn diesen neugierig machenden Namen trägt. So wie seine Äste sich in feinem Schwung gen Himmel winden, ist er zudem von ausnehmender Eleganz. Ein Prachtexemplar auch der Lebkuchenbaum, der wohl größte seiner Art in Berlin. Und zu Füßen von Ahorn und Lebkuchenbaum wachsen sommergrüne Sträucher wie Zaubernüsse und Frühjahrsblüher wie Elfenblumen und Hundszahn. An einer Mauer klettern Waldrebe und Geißblatt. In Pflanzkübeln, die denen des Schlossparks Sanssouci in Potsdam nachgebaut wurden, blühen die Kaiserkronen.

Ihr Zuhause haben die Bäume, Blumen, Stauden und Sträucher im Lehrgarten des Fachgebiets Vegetationstechnik und Pflanzenverwendung an der Königin-Luise-Straße 22 in Berlin-Dahlem. Seit 1903 war es die Adresse der Königlichen Gärtnerlehranstalt, der ersten Ausbildungsstätte für Gärtner weltweit, insbesondere für Landschaftsgärtner. Der Lehrgarten war als landschaftlich geprägter Park Teil dieser Institution. Der Park umgab die Direktorenvilla, den heutigen Sitz des Fachgebiets.

Die Königliche Gärtnerlehranstalt gibt es nicht mehr. Aber Teile der ehemaligen Anlagen und Gebäude sind erhalten geblieben und gehören heute zur TU Berlin. Neben dem Lehrgarten ist das der Rosengarten. „Das Besondere an ihm ist, dass hier eine Auswahl von modernen Rosen, wie sie Anfang des 20. Jahrhunderts gezüchtet wurden, zu sehen sind“, sagt Prof. Dr. Norbert Kühn, Leiter des Fachgebiets Vegetationstechnik und Pflanzenverwendung. „Eine Sammlung von Rosen aus dieser Zeit ist selten. “

Als der Rosengarten 1903 angelegt wurde, gestaltete man ihn mit seinen Sichtachsen und dem niedergelegten Brunnen im Stil eines Barockgartens. Ihn in seinen historischen Proportionen und seiner ursprünglichen Bepflanzung wieder herzustellen war das Ziel der Restaurierung im Jahr 2014. Experten wie Norbert Kühn können auch noch das Pinetum erkennen. Ein Pinetum ist eine Sammlung von Nadelgehölzen. Sie rahmten den Rosengarten auf beiden Seiten in einem Halbrund. Eine orientalische Fichte, eine Zirbelkiefer und eine Weymouth-Kiefer, die besonders durch ein feines Nadelkleid besticht, stammen noch aus dem Jahr 1903.

Zur historischen Anlage der Königlichen Gärtnerlehranstalt gehörte einst auch ein Staudengarten, der sich unmittelbar an den Rosengarten anschloss. In den 1930er-Jahren wurde er in einen Senkgarten umgewandelt. Er ist ein gestalterisches Element des Reformgartens. Durch das terrassenförmige Absenken der verschiedenen Ebenen wird eine Draufsicht auf die Beete erzeugt, die es erlaubt, die Blütenpracht besser in Augenschein nehmen zu können. Typisch für einen Senkgarten ist zudem das sich in der Mitte befindliche Wasserbecken. Auch der Senkgarten wurde 2014 unter denkmalpflegerischen Aspekten restauriert. Die historische Bepflanzung ließ sich jedoch nicht rekonstruieren. Pflegeleichte Stauden prägen nun sein Bild.

Abgeschlossen wird der Staudengarten von acht „wie Ausrufezeichen“, so Kühn, in den Himmel ragenden Pappeln. „Pappeln haben im Landschaftsgarten eine wichtige Bedeutung. Sie unterbrechen und verfremden die natürliche Landschaft durch ihre prägnante architektonische Form und setzen ein Zeichen. Mit Pappeln umfasste Rondelle sind in Landschaftsgärten immer besondere Orte“, erzählt Norbert Kühn.

Die Aufgabe des Rosen- und Staudengartens war es, den Studierenden neueste Erkenntnisse in der Gartenkunst anschaulich zu vermitteln. Norbert Kühn: „Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts züchtete man die eingangs erwähnten modernen Rosen. Und Stauden waren zu dieser Zeit in der Gartenkunst als neues, vielseitiges Pflanzenmaterial gerade entdeckt worden.“

Rosen- und Staudengarten spielen in der Forschung und Lehre der TU Berlin keine Rolle mehr. „Diese Aufgabe hat nur noch der Lehrgarten“, sagt Norbert Kühn. Anhand des Lehrgartens werden den Studierenden verschiedene Themen der Bepflanzung wie Beet- und Staudenpflanzung, Pflanzung nach Lebensbereichen oder einjährige Wechselbepflanzung vermittelt. Ein aktuelles Forschungsprojekt untersucht die Auswirkungen des Klimawandels auf die Gehölze in historischen Parks. Und die Spuren des Klimawandels sind auch im Lehrgarten unverkennbar. Vier trockene Jahre in Folge lassen Nadeljahrgänge absterben und das einst dichte Nadelkleid von Kiefern, Fichten und Scheinzypressen licht werden. „Die Bäume verlieren an Vitalität und halten Stürmen nicht mehr stand“, so Kühn. Im Februar dieses Jahres knickte der Sturm gleich zwei über 100 Jahre alte Bäume um.

Das Team

Prof. Dr. Norbert Kühn, Leiter des Fachgebietes Vegetationstechnik und Pflanzenverwendung

Der Lehrgarten dient heute immer noch zur Ausbildung von Landschaftsarchitekten, die am Fachgebiet schwerpunktmäßig ausgebildet werden. Aber auch Umwelt- und Landschaftsplaner sowie Stadtökologen besuchen unsere Lehrveranstaltungen. Unsere Lehre und Forschung haben eine architektonisch-ökologische Ausrichtung und beschäftigen sich mit Themen wie Vegetationstechnik und Ingenieurbiologie, Pflanzenverwendung, Pflanzen in der Gartenkunst und Pflanzen im Klimawandel.

Katrin Borowski, Gärtnerin für Zierpflanzenproduktion

Mir obliegt die Bewahrung und Instandhaltung des Lehrgartens. Dabei sollte die Bepflanzung erhalten und schwache Exemplare gestärkt werden, sodass sie als Anschauungsmaterial zur Verfügung stehen. Neben der Pflege des Lehrgartens betreue ich auch die Versuche der wissenschaftlichen Mitarbeiter des Fachgebietes.

Dominic Wachs, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachgebiet Vegetationstechnik und Pflanzenverwendung

Neben der Funktion als Lehrgarten ist der Garten auch ein Experimentierkasten für die wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen des Fachgebiets. Bei einer Neupflanzung der Beete werden verschiedene, teils neuartige Bepflanzungsvarianten erprobt und beobachtet. Die gewonnenen Erkenntnisse können in die eigene Forschung mit eingebunden werden und helfen auch bei der Konzeption der wissenschaftlichen Feldversuche.

Prägendes Vorbild

1823 gründete Peter Joseph Lenné die Königliche Gärtnerlehranstalt in Berlin-Schöneberg. Ziel war es, alle gärtnerischen Richtungen zu lehren – vom Gemüsebau über den Obstbau und Zierpflanzenbau bis zur Gartenkunst. Die Ausbildung von Landschaftsarchitekten an der TU Berlin seit 1951 hat ihre Wurzeln in dieser Einrichtung.

1869/1870 zog die Königliche Gärtnerlehranstalt nach Potsdam-Wildpark und kam 1903 nach Berlin-Dahlem zurück. „Auf dem Gelände entstanden neben dem Lehrgebäude mit Lehrsälen, Laboren, Bibliothek und der Direktorenvilla ein Wurzelhaus zur Untersuchung des Wurzelwachstums, die Station für Obst- und Gemüseverwertung und Gewächshäuser. Sie waren auf dem technisch neuesten Stand. Es gab zehn verschiedene Gewächshäuser, darunter ein Weintreibhaus, ein Pfirsichtreibhaus, ein Ananashaus und ein Erdbeertreibhaus. Rund um die Gebäude wurden große Lehr- und Schauanlagen angelegt wie der Rosen- und Staudengarten. Den größten Teil nahmen die Obstversuchsgärten ein“, erzählt Norbert Kühn. Die Königliche Gärtnerlehranstalt war für die deutsche Gartenkunst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts prägend. Im 20. Jahrhundert allerdings haftete ihr der Makel an, in einem traditionellen Formenkanon erstarrt zu sein. Nach dem Krieg gingen aus ihr verschiedene Nachfolgeinstitutionen hervor. Heute sind auf dem Gelände neben dem Fachgebiet für Vegetationstechnik und Pflanzenverwendung zwei Fachgebiete des Instituts für Lebensmitteltechnologie und Lebensmittelchemie untergebracht.

Öffnungszeiten

Schaugärten der TU Berlin

Adresse Altensteinstraße 15a
14195 Berlin-Dahlem
April/Mai 10 bis ca. 20 Uhr
Juni-August 10 bis ca. 22 Uhr
Sept./Okt. 10 bis ca. 20 Uhr
Besichtigung auch ohne Führung

Autorin: Sybille Nitsche