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Wir trauern um Prof. Dr. Ralf Steudel (1937 – 2021)

Die Technische Universität Berlin trauert um Professor Dr. Ralf Steudel, der an ihrem Institut für Chemie über Jahrzehnte wirkte und für seine Beiträge zur Chemie der Nichtmetalle, insbesondere des Schwefels, internationale Anerkennung erfahren hat.

Ralf Steudel wurde 1937 in Dresden geboren, und zwar – wie er selbst dann und wann zu bemerken pflegte – in eine traditionsreiche Unternehmerfamilie, die in Sachsen zu den Pionieren des Automobilbaus zählte. 1954 verließ er die DDR und ging nach West-Berlin, wo er 1957 an der Freien Universität sein Chemie-Studium begann und 1963 mit dem Diplom abschloss. Schon 1965 folgte an der Technischen Universität Berlin im Arbeitskreis von Peter Wolfgang Schenk die Promotion mit einer Schrift zum Thema „Untersuchungen über niedere Schwefeloxide“.

Auch für seine Habilitation arbeitete Steudel im Umkreis dieses Mentors; sie erfolgte, überschattet vom frühen Tod Schenks 1967, im Jahre 1969 an der Technischen Universität Berlin („Präparative und spektroskopische Untersuchungen an einigen Subverbindungen der Nichtmetalle“).

1969 ernannt, wirkte Ralf Steudel als Hochschullehrer und Professor für Anorganische Chemie an der Technischen Universität Berlin, wo er im Jahre 2003 in den Ruhestand trat. Eine Gastprofessur führte ihn 1973/74 ans Spectroscopy Laboratory des MIT in Cambridge/USA zu Richard C. Lord, einem der Pioniere der Infrarot-Spektroskopie. Hier machte er sich unter anderem mit der diagnostischen Nutzung der anomalen Fern-Infrarotspektren ringförmiger Moleküle vertraut. Von 1974 bis 1978 war Steudel Stipendiat der Karl Winnacker-Stiftung. In den 80-er Jahren ergangene Rufe auf Lehrstühle in Westdeutschland (Stuttgart 1980, Köln 1987) lehnte er ab.

Dies erregte Aufsehen, doch vielleicht folgte Ralf Steudel nicht dem Diktum Dostojewskis, wonach der Mensch es liebe, nur sein Unglück zu bilanzieren, sein Glück aber zu übersehen: Человек только своё горе любит считать, а счастья своего не считает (aus den Записки из подполья, dt. Aufzeichnungen aus dem Untergrund); vielleicht wusste er, neben anderem, auch die damals großzügige Hochschulausstattung West-Berlins als großes Glück zu schätzen.

Das von ihm zusammen mit seinem bisweilen nach 15 Köpfen zählenden Arbeitskreis betriebene Forschungsprogramm war umfangreich: Es umfasste neben experimentell-synthetischen Arbeiten zur anorganischen und organischen Schwefelchemie auch experimentelle und spektroskopische Untersuchungen zur Selen-Chemie sowie theoretisch-chemische Fragestellungen; zu den letztgenannten trug insbesondere auch seine Ehefrau Yana in entscheidendem Maße bei. Die jüngsten Publikationen Steudels datieren noch vom vergangenen Jahr.

Das Feld der etwa 300 Originalarbeiten, Buchkapitel und Zuschriften Ralf Steudels führen, nach ihrer Zitationshäufigkeit, Aufsätze über „Eigenschaften von Schwefel-Schwefel-Bindungen“ und „Homocyclische Schwefelmoleküle“ an. Ihm gelang mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die erstmalige Darstellung der Oxide ringförmiger Schwefelmoleküle, wie z. B. S6O, S8O oder S12O2. Eine genaue Analyse der Schwefelschmelze ergab zuvor nicht registrierte Ringgrößen bis S23. Arbeiten zu biologisch-bioanorganischen Aspekten der Schwefelchemie, insbesondere zu organischen Polysulfanen und zum Metabolismus von Schwefelbakterien, fanden gleichfalls weithin Beachtung.

Auch als Lehrbuchautor (sowie als Lehrbuchübersetzer und -bearbeiter) ist Ralf Steudel hervorgetreten. Die Chemie der Nichtmetalle, von ihm 1974 aus der Taufe gehoben, betreute und aktualisierte er durch vier Auflagen hindurch, mit Ingo Krossing, Yana Steudel und David Scheschkewitz als späteren Co-Autoren; die auf den neuesten Stand gebrachte englische Übersetzung erschien im vergangenen Jahr.

Das Institut für Chemie der Technischen Universität Berlin wird Professor Steudel als akademischem Lehrer und bedeutendem Wissenschaftler ein ehrendes Andenken bewahren. Unser Mitgefühl gilt seinen Angehörigen.

Prof. Dr. Ralf Steudel © privat

Prof. Dr. Ralf Steudel