Städtebauliche Denkmalpflege und Urbanes Kulturerbe

Hassan Fathy. Entwicklung einer neuen arabischen Lehmarchitektur

Rosemarie Lazarus

 

Die faszinierende Lehmarchitektur Hassan Fathys hat lange bevor der  "nachhaltige" Umgang mit Stoff- und Materialströmen zum Leitbild der Vereinten Nationen erklärt wurde (Agenda 21,1992) den Forderungen an einen verantwortlichen Umgang mit Umweltressourcen entsprochen.

Angesichts der Tatsache, dass der Bausektor einer der größten Klimakiller und Ressourcenfresser ist, hat die kosten- und umweltschonende Lehmarchitektur des Architekten Hassan Fathy (1900-1989) eine neue Aktualität. Der in Ägypten traditionell genutzte Baustoff Lehm, stellt nicht nur ein sehr angenehmes Mikroklima in Innenräumen her, sondern ist auch ein idealer CO2-neutraler Baustoff.

Fathys international bekanntestes Projekt, das Lehmbaudorf Neu-Gourna (1946-1952), ist als Ikone einer frühen ökologischen Siedlungsplanung in die UNESCO-Vorschlagsliste erhaltenswürdiger Denkmäler aufgenommen worden. 2019 wurde das ägyptische Sanierungsprogramm „Safeguard Hassan Fathys architectural legacy in New Gourna site“ verabschiedet.

Das Projekt Neu-Gourna scheiterte an Baustoffengpässen, einer ungeklärten Finanzierung durch miteinander konkurrierende Behörden, aber auch wegen mangelnder Kooperationsbereitschaft der Gournawis, die sich nicht umsiedeln lassen wollten, und fehlender begleitender Sozialpläne. In mehreren Veröffentlichungen wird das Scheitern des Gourna-Projektes auf unpassende historisie-rende Formen der Lehmarchitektur zurückgeführt und darauf, dass der traditionelle Baustoff Lehm nicht den Bedürfnissen der Bewohner entsprochen hätte.

Im Rahmen der Arbeit soll das Scheitern des Projektes rekonstruiert/analysiert werden, aber auch die Gründe für die lange Zeit nicht anerkannte innovative Arbeit eines nicht-europäischen Architekten. Es wird davon ausgegangen, dass die fehlenden Sozialpläne und die seit Generationen in den Familien bekannten Umsiedlungspraktiken der Antikenbehörde unter französischer Führung den Ausschlag für das Scheitern des Projektes gegeben haben sowie eine gegen vermeintlich rückständige Bauformen gerichtete europäisch dominierte Baulobby. Die Weiterentwicklung des heute auch in Deutschland wieder genutzten Baustoffs (DIN-Normen, 2013) kam zum Erliegen.

Die Vorgeschichte und das Scheitern des Lehmbau-Projektes ist ein Beispiel von Auswirkungen des euroäischen Kunst- und Antiquitätenhandels auf soziale Strukturen eines von Kolonialherren regierten überwiegend landwirtschaftlich geprägten Landes. Die Nichtanerkennung der innovativen Weiterent-wicklung von traditionellen Methoden und Praktiken des ägyptischen Lehmbaus lag im Trend eines kulturellen Rankings und einer exportorientierten europäischen Bauindustrie.