Gesellschaft von Freunden der TU Berlin e.V.

100 Jahre Einsatz für Bildung und Wissenschaft

Zum Jubiläum: Stefan Jähnichen über die Herausforderungen, vor denen die Gesellschaft von Freunden der TU Berlin steht

Prof. Jähnichen, ich würde mich gerne mit Ihnen über die Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Gesellschaft von Freunden der TU Berlin unterhalten. Erzählen Sie doch bitte – was macht die Freundesgesellschaft?

Die Gesellschaft unterstützt die TU Berlin auf ideelle und materielle Weise. Drei Dinge sind mir dabei besonders wichtig. Zum einen, dass wir uns verstärkt um die Kontakte und um die Kooperation mit der Wirtschaft kümmern. Zum anderen, dass wir Kontakt zu unseren Alumni und Alumnae halten. Und zu guter Letzt, dass wir finanzielle Mittel zur Verfügung stellen, um Studierende, Projekte und Aktivitäten zu unterstützen, die aus den öffentlichen Mitteln nicht finanziert werden können.

Welchen Wert haben Freundesgesellschaften für Universitäten?

In die Struktur jeder Universität gehört grundsätzlich eine Freundesgesellschaft, weil die öffentlichen Mittel für Forschung und Bildung nicht ausreichen. Hier kann eine Freundesgesellschaft unterstützend eingreifen.

Welchen Wert hat die Freundesgesellschaft für die TU Berlin?

Unsere Freundesgesellschaft unterstützt die TU Berlin bei ihrer in ihrem Leitbild festgeschriebenen Aufgabe, dem Humanismus verpflichtete Forschung und Lehre umzusetzen. Denn nach dem Zweiten Weltkrieg stellten die Alliierten für die Neugründung der Technischen Hochschule als Technische Universität die Bedingung, Technik und Naturwissenschaft mit Humanismus zu ergänzen. Wissenschaft und Technik sollten zum Nutzen der Gesellschaft weiterentwickelt werden. An die Verbindung von Technik und Humanismus erinnern wir jährlich mit der Höllerer-Vorlesung.

Die Freundesgesellschaft feiert in diesem Jahr ihr 100-jähriges Jubiläum. Aber – gibt es nicht eigentlich zwei Gründungsdaten?

Richtig! Die erste Mitgliederversammlung der Freundesgesellschaft fand am 22. Juni 1922 statt. Aber am 11. Mai 1945 gab es eine Neugründung der Gesellschaft von Freunden. Warum? Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden alle Vereine aufgelöst. Einer Neugründung ging eine strikte Untersuchung voraus, inwieweit sich der Verein und seine Mitglieder von der Nazizeit losgesagt hatten. Dieser Prüfung musste sich auch die Freundesgesellschaft unterziehen. Denn in der NS-Zeit wurden auch an der Technischen Hochschule jüdische Menschen aus dem wissenschaftlichen Leben, der Freundesgesellschaft und den Gremien ausgeschlossen. Es war sicherlich die unrühmlichste Zeit für unseren Verein.

Welche positiven Akzente konnte die Gesellschaft über die Jahre setzen?

Die für mich wichtigsten Akzente setzte und setzt sie beim Einsatz für Bildung und Wissenschaft sowie bei der Förderung der Ausbildung von Ingenieur*innen und Naturwissenschaftler*innen. Dabei liegt der Fokus auf der Ausbildung von Expert*innen, die sich auch ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst sind.

Zurzeit sind die Mitgliederzahlen rückläufig. Wie kann die Freundesgesellschaft hier gegensteuern?

Wir haben zurzeit 645 Mitglieder, davon 44 Firmen. Das könnte durchaus besser sein. Unser Problem ist die Sichtbarkeit und die Kommunikation all unserer Aktivitäten. Um jüngere Mitglieder zu gewinnen, sollte die Gesellschaft vermehrt auch studentische Initiativen fördern und dadurch den Ehrgeiz wecken, in einer solchen Gesellschaft mitarbeiten zu dürfen. Es sollte eine Ehre sein. Den Alumni und Alumnae sollten wir attraktive Angebote machen, damit sie ihrer Universität über den Freundeskreis verbunden bleiben. Sie sind ein Pfund, das die Universität hat. Aber wir müssen auch wissen, was sie von uns erwarten. Und dazu müssen wir stärker den Dialog suchen. Das gleiche gilt, um Firmen zu gewinnen. Wir müssen wissen, was die Industrie von uns erwartet, damit sie bereit ist, uns auch zu fördern. Wir arbeiten jedoch alle ehrenamtlich. Das hat leider seine Grenzen. Ich setze mich dafür ein, dass wir professionelle Mitarbeitende bekommen, die auch bezahlt werden.

Auf welchem Gebiet wollen sich die „Freunde“ künftig engagieren?

Wir sind mit der TU Berlin im Gespräch, wie wir den Verein besser professionalisieren können, um mehr Aktivitäten starten zu können. Primär liegt mir am Herzen, die Sichtbarkeit des Vereins zu erhöhen, sowohl in die Uni hinein als auch nach außen. Wir möchten mehr Professorinnen und Professoren, Alumni und Alumnae sowie Firmen als Mitglieder gewinnen. Auch beim Fundraising für die TU Berlin wollen wir uns stärker engagieren – konzeptionell und in der Umsetzung.

Das Interview führte Dagmar Trüpschuch.

Das sind wir!

Die Gesellschaft von Freunden wurde 1922, vier Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs, gegründet. Deutschland hatte große wirtschaftliche Probleme, auch die Hochschulen waren in großer Not. Der damalige Rektor der Königlich Technischen Hochschule zu Berlin, Prof. Dr. Rudolf Rothe, beschloss, die Wirtschaft mit einzubeziehen, um gemeinsam das Thema Bildung und Wissenschaft nach vorne zu bringen. Um diese Kooperation strukturell in Angriff zu nehmen, gründete er mit einigen Hochschulmitgliedern die Gesellschaft von Freunden. In den Gremien saßen in Folge auch Vertreter großer Firmen.

Aufgabe des Vereins ist bis heute, Studierende und Nachwuchswissen- schaftler*innen finanziell und ideell zu unterstützen, Wirtschaft und Wissenschaft zu verbinden und den Dialog zwischen Universität, Wirtschaft und Gesellschaft zu fördern. Die „Freunde“ vergeben Preise und Auszeichnungen, wie den Preis für vorbildliche Lehre, und richten Veranstaltungen wie das Technologieforum und die Höllerer-Vorlesung aus. Wer die Zukunft der TU Berlin mitgestalten möchte, sollte Mitglied werden!

Zur Person

Selbst im Ruhestand bleibt er seiner Universität treu: Seit 2005 ist Stefan Jähnichen Mitglied in der Gesellschaft von Freunden, seit 2019 Vorsitzender des Vorstandes. Er studierte und promovierte an der TU Berlin. Nach Stationen unter anderem an der University of Southern California in Los Angeles und der Universität Karlsruhe leitete er von 1992 bis 2015 das Fachgebiet Softwaretechnik der Fakultät IV Elektrotechnik und Informatik an der TU Berlin. Der Informatiker ist einer der führenden deutschen Wissenschaftler auf dem Gebiet der Softwaretechnik, der Programmiersprachen und des Compilerbaus.