Alumni-Programm

Dringend gesucht: Internationale Talente

Im Zuge des Fachkräftemangels sind internationale Absolvent*innen deutscher Hochschulen zunehmend in den Blick von Politik und Wirtschaft gerückt. Bei der Karriereorientierung für ausländische Nachwuchswissenschaftler*innen bindet die TU Berlin internationale Alumni, die in Deutschland arbeiten, gezielt als Multiplikator*innen ein. Sie teilen Erfahrungen und geben internationalen Berufseinsteiger*innen praktische Tipps mit auf den Weg.

Deutschland braucht dringend Fachkräfte. Gesucht werden vor allem Mathematiker*innen, Informatiker*innen, Naturwissenschaftler*innen und Techniker*innen, denn Dekarbonisierung und Digitalisierung führen zu tiefgreifenden Veränderungen in der Arbeitswelt. Hinzu kommt der demografische Wandel, der ebenfalls bewirkt, dass der Bedarf der Wirtschaft an sogenannten MINT-Qualifikationen zunimmt. Der MINT-Frühjahrsreport 2023 des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) beziffert die Fachkräftelücke in MINT-Berufen mit fast 310.000 Arbeitskräften. Expert*innenberufe bilden dabei die größte Engpassgruppe dicht gefolgt von Facharbeiter*innenberufen. 

Die Bundesregierung will gegensteuern und hat im Oktober 2022 eine neue Strategie zur Fachkräftesicherung vorgestellt. In dieser betont sie, dass internationale Fachkräfte für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft unverzichtbar sind und hebt internationale Alumni deutscher Hochschulen als besonders attraktiv für den deutschen Arbeitsmarkt hervor, „…weil sie bereits mit vielen Kompetenzen nach Deutschland kommen und hier während des Studiums zusätzliche, für den deutschen Arbeitsmarkt wichtige Kompetenzen erwerben.“ Dieses enorme Potenzial gelte es zu heben. Bestehe eine Bleibeabsicht, sei es wichtig, adäquate Unterstützungsangebote bereitzustellen, um einen Karriereeinstieg in Deutschland zu erleichtern.   

Einblicke in den deutschen Arbeitsmarkt für internationale Nachwuchswissenschaftler*innen

Ein solches Unterstützungsangebot an der TU Berlin, die als Technische Universität viele MINT-Absolvent*innen ausbildet, ist die „Career Week for International Junior Researchers”. Mit ihr zeigen das Alumni-Programm und das Center for Junior Scholars (CJS) internationalen Promovierenden und Postdocs seit dem Jahr 2017 einmal jährlich Bleibemöglichkeiten in Deutschland auf. Die englischsprachige Netzwerk- und Informationsveranstaltung, die in 2023 mit dem Hans-Raffée Alumni-Networking Preis der Universität Mannheim ausgezeichnet wurde, informiert über wissenschaftliche und außerwissenschaftliche Karrierewege auf dem deutschen Arbeitsmarkt, indem sie in Karriereorientierungssessions auf die Besonderheiten unterschiedlicher Berufsbranchen eingeht und Bewerbungsformalitäten klärt. Auch Fragen rund um die Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis werden behandelt. Marion Schönicke vom Business Immigration Service der Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie GmbH steht seit dem erstmaligen Stattfinden der "Career Week for International Junior Researchers" mit einer Informationsveranstaltung auf dem Programm. Auf manche Fragen, die immer wieder gestellt werden, gibt es leider keine einfache Antwort:

"Da die Teilnehmer*innen meist schon einige Jahre in Deutschland leben, kommt oft die Frage, ob man bereits eine Niederlassungserlaubnis (unbefristete Aufenthaltserlaubnis) beantragen kann. Für dieses komplexe Thema gibt es keine allgemeinverbindliche Antwort, sondern jeder Fall muss detailliert betrachtet werden. Wir von Berlin Partner können hier mit Informationen und Hinweisen dienen, aber die eigentliche Prüfung kann nur nach Antragstellung anhand aller Unterlagen durchs Landesamt für Einwanderung erfolgen."

Ein weiterer wichtiger Bestandteil der Veranstaltung ist, die internationalen Nachwuchswissenschaftler*innen mit Alumni aus Wissenschaft, Wirtschaft und Unternehmensgründung in Kontakt zu bringen. Vom 11. bis 14. März fand die diesjährige "Career Week for International Junior Researchers" statt. Sechs internationale Absolvent*innen der TU Berlin, die den Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt erfolgreich gemeistert haben, gaben in „Learning from Peers Sessions“ Einblick in ihren persönlichen Karriereweg, sprachen über Erfolge aber auch Herausforderungen und Momente des Zweifelns.

Praktische Anwendung von Wissenschaft und Technologie in der Wirtschaft

Die Beweggründe der sechs Alumni, nach der Promotion in Deutschland zu bleiben, waren unterschiedlich. Sherif Madkour arbeitet seit dem Abschluss seiner Promotion im Jahr 2017 in Deutschland. Bei der Siemens AG forscht er im Bereich Leistungselektronik. 

"Als ich anfänglich darüber nachdachte, nach Ägypten zurückzukehren, fand ich dort hauptsächlich akademische Arbeitsmöglichkeiten in meinem Fachgebiet vor. Ich war jedoch auf der Suche nach einer praktischeren Anwendung von Wissenschaft und Technologie, von der Produktentwicklung bis zur Markteinführung. Dabei wollte ich auch die wirtschaftliche Seite kennenlernen, und das konnte Ägypten zu diesem Zeitpunkt nicht in vollem Umfang bieten. Die USA boten umfangreiche Arbeitsmöglichkeiten, aber das deutsche Sozialsystem, der kulturelle Reichtum und die Nähe zu meiner Familie machten Deutschland zu einer attraktiveren Option. Die deutsche Unternehmensszene, die für ihre globalen Unternehmen bekannt ist, fördert Lernen und Wachstum in einem wettbewerbsorientierten und dennoch lehrreichen Umfeld. Letztendlich war Deutschland die beste Wahl für meinen Berufseinstieg, da es eine Mischung aus persönlichen, beruflichen und praktischen Vorteilen bot, die es mir ermöglichten, einen sinnvollen Beitrag zu leisten, geschäftliche Feinheiten zu erlernen und in einer wertschätzenden Unternehmenskultur zu wachsen."

Qualität und Bürokratie: Besonderheiten des Arbeitslebens in Deutschland

Ein angemessenes Auftreten und korrekte Umgangsformen sind weltweite Standards im Berufsleben. Aber was ist speziell an der Arbeitskultur in Deutschland? Der promovierte Chemiker Rodrigo Beltrán-Suito ist seit 2022 leitender Ingenieur für Umweltanalyse bei der Deutsche Bahn Engineering & Consulting GmbH. 

"In meinem bisherigen Berufsleben sind mir durchaus ein paar Dinge aufgefallen, die man als "typisch deutsch" bezeichnen könnte - sowohl in positiver als auch negativer Hinsicht. Positiv finde ich, dass Meetings, Projekte und Urlaube weit im Voraus organisiert werden - manchmal ein Jahr vorher.  Außerdem ist Qualität sehr wichtig. Sie hat bei Produkten und Dienstleistungen oberste Priorität. Was mir negativ auffällt, ist, dass Prozesse sich sehr lange hinziehen. Ich muss mich mit interner und externer Bürokratie auseinandersetzen, um Aufgaben zu erledigen, die leicht auszuführen wären, wenn es nicht all diese Schritte gäbe, die durch Gesetze oder interne Vorgaben vorgeschrieben sind. Die Kommunikation bei der Arbeit ist in der Regel unkompliziert - manchmal empfinde ich sie aus meiner lateinamerikanischen Perspektive als etwas unhöflich."

Wichtig fürs Privat- und Berufsleben: Deutschkenntnisse

Ein wichtiges Gesprächsthema bei jeder „Career Week for International Junior Researchers“ ist: Wir gut müssen meine Deutschkenntnisse sein, um einen Job in Deutschland zu bekommen? Mozhgan Bayat arbeitet als Datenwissenschaftlerin bei CARIAD SE, einem Unternehmen, das die Softwarekompetenzen des Volkswagen Konzerns bündelt und weiter ausbaut. Für ihre Promotion kam sie aus dem Iran an die TU Berlin.

„Ich habe im ersten Jahr meines Promotionsstudiums damit begonnen, Deutsch zu lernen. Dafür habe ich Kurse an der TU Berlin und bei privaten Anbietern belegt. Mein Eindruck ist, dass es in Deutschland stark von der Firma und vom Fachgebiet abhängt, welche Arbeitssprache verwendet wird. In meinem Arbeitsbereich arbeiten wir nicht direkt mit Kund*innen, deshalb ist Deutsch normalerweise nicht erforderlich. Für die Stellen, für die man über Deutschkenntnisse verfügen muss, wird in der Regel das Niveau B2 (Anmerkung: Niveau B = selbständige Sprachanwendung) oder C1 (Anmerkung: Niveau C1 = kompetente Sprachverwendung) verlangt. Es werden auch Deutschkurse angeboten, damit man seine Sprachkenntnisse verbessern kann. Ich empfehle dringend, Deutsch zu lernen, denn es macht das Leben in Deutschland viel einfacher. Als ich noch kein Deutsch, sondern nur Englisch sprechen konnte, hatte ich das Gefühl, dass ich meine Fähigkeiten weder im Privatleben noch im Beruf richtig anwenden konnte. Wenn ich noch einmal zu meinem Studentenleben zurückkehren könnte, würde ich noch mehr Zeit darauf verwenden, Deutsch zu lernen.“

 

 

 

                                                                                           Autorin: Juliane Wilhelm

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