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Handwerk und Design

Einzigartig für Berlin und die Welt

Die neue Direktorin des Kunstgewerbemuseums Sibylle Hoiman will die wertvollen Schätze des Alltagslebens von damals und heute neu inszenieren

Frau Hoiman, das Kunstgewerbemuseum, KGM, mit seinen exponierten Standorten Kulturforum und Schloss Köpenick beherbergt Zehntausende Objekte aus der Zeit vom 4. Jahrhundert bis heute. Doch sie werden in der Breite kaum wahrgenommen. Wie wollen sie dieses vielseitige Museum zu einem Publikumsmagneten machen? 
Das große Potenzial, das in unseren Sammlungen liegt, wollen wir auf unterschiedliche Weise neu aktivieren, das Haus für Alle öffnen. Was wir zeigen, ist ja mehr als ein Spaziergang durch die Epochen von angewandter Kunst, Handwerk und Design. Es geht um die Gestaltung unseres Lebens und unserer Umgebung: Wir alle kleiden uns, essen und wohnen, benutzen Geschirr, Besteck, Stühle und Tische. Spiritualität und Kunst beeinflussen uns. Die enorme Bandbreite der Objekte, Epochen und Materialien bietet zahlreiche Anknüpfungspunkte, Themen und Werte zu vermitteln.

Worauf sind Sie besonders stolz?
Es ist natürlich großartig, dass wir zum Beispiel mit dem Welfenschatz einen der wertvollsten Kirchenschätze des Mittelalters besitzen, oder bedeutende Werke aus Renaissance und Spätmittelalter wie das Lüneburger Ratssilber sowie eine weltweit einzigartige Sammlung figürlichen Porzellans des 18. Jahrhunderts. Unsere umfangreiche Möbel- und Design-Ausstellung reicht bis in die Jetztzeit. Und eine Modesammlung wie unsere findet man in Deutschland kein zweites Mal. Das ist eine große Chance, aber auch eine Herausforderung in der Frage der Vermittlung.

Was heißt das?
Die Wissensstände, die Ansprüche und Fragen an Museen sind unterschiedlich. Und die Deutungshoheit über die Objekte liegt längst nicht mehr allein bei uns. Wir teilen sie mit unseren Besucher*innen, die wir aktiv einbeziehen. Ich plane zum Beispiel, mit einem Jugendlichen-Beirat zusammenzuarbeiten, um deren Perspektive kennenzulernen. Wir wollen das enorme Wissen, das das Museum generiert, mit dem Heute verknüpfen. Ein Exponat birgt so viele mögliche Erzählperspektiven: Wer hat es wo hergestellt und warum? Woher stammen die Materialien, wie wurden sie bearbeitet? Was ist zu sehen? Welche soziale oder rituelle Bedeutung hatte es  im Alltag, und wie beeinflusst das unser Leben heute? War es Massenware? Exklusiv? Unter welchen Bedingungen arbeiteten die Künstler*innen und Handwerker*innen und wie waren sie ausgebildet? 

Das Haus mit über 8000 Quadratmetern Fläche ist vielseitig gestaltet, wirkt aber verschlossen. Wie wollen Sie mehr Offenheit schaffen?
Das Haus mag nach Außen verschlossen wirken, es ist aber innen großzügig wie eine Landschaft konzipiert. Zwei Innenhöfe bieten die Möglichkeit des Rückzugs, mit vielfältigen Bezügen zwischen Innen und Außen. Für mich gehören Freiflächen, Architektur bis hin zum Städtebau gleichermaßen zur Gestaltung, der sich das KGM verschreibt. Das verbindet mich auch mit meinem Doktorvater Adrian von Buttlar an der TU Berlin. Ich möchte den großen, begrünten Innenhof wieder öffnen, Durchblicke und Sichtachsen schaffen, wie Rolf Gutbrod es in den 1960er-Jahren geplant hatte. Die heute zugehängten Fenster verhindern das und die abgehängten Decken beeinträchtigen die Raumproportionen massiv. Dafür brauchen die veraltete Haustechnik und die Klimaanlage eine Modernisierung. 

Wir arbeiten bereits mit der TU Braunschweig, der TU München und dem Natural Building Lab der TU Berlin in einem Forschungsprojekt, „ReKult“. Es untersucht, wie man in Bauten des Kulturerbes die Regulierung des Raumklimas energetisch effizienter gestalten kann. Ich denke auch an experimentelle Ausstellungskonzepte, die sich nicht an Chronologie oder Materialgruppen orientieren, sondern an den klimatischen Bedürfnissen der Exponate. Vielleicht können wir so auch einen Beitrag zur Lösung aktueller gesellschaftlicher Fragen leisten. Dafür und für noch engere Kontakte zur Uni stelle ich das Haus sehr gern zur Verfügung. Darüber hinaus will ich das KGM mit dem Aufbau eines engen Netzwerks auch zu europäischen Museen neu positionieren, es sichtbarer machen und ihm, über Berlin hinaus, eine Stimme geben. 

Interview: Patricia Pätzold