Berliner Zentrum für Hochschullehre

Lernmaterialien erstellen

In fast allen Lehrveranstaltungen werden Inhalte in mehr oder weniger großem Umfang vermittelt. Sie werden mündlich mit Hilfe von Folien vorgetragen, schriftlich (z.B. als Artikel) bereitgestellt oder als Video, Audio oder in einer anderen multimedialen Form dargeboten. Auf dieser Seite finden Sie Anregungen und Hilfestellungen für eine lernförderliche Aufbereitung Ihrer Inhalte.

Sowohl bei Videos wie auch bei Podcasts und Texten reicht das Sich-Berieseln-Lassen oder Überfliegen nicht aus, um zu lernen. Wenn Inhalte als Lernmaterial verwendet werden sollen, müssen wir unsere Aufmerksamkeit darauf lenken, mit Zielen und Fragen an den Inhalt herangehen, zwischendurch Pausen machen, uns Notizen machen, Verständnisaufgaben stellen und weitere Lernstrategien einsetzen, um den Inhalt zu festigen.

Weitere Inhalte zu Aufgaben und Lernstrategien kommen demnächst.

Welches Medium ist wann besser geeignet: Video oder Text?

Jedes Mal, wenn wir die Entscheidung treffen, bestimmte Informationen unseren Studierenden entweder in Form von Videos oder Texten zur Verfügung zu stellen, treffen wir eine didaktische Entscheidung, die von verschiedenen Faktoren abhängt.

Die Frage danach, welches Medium besser zu welcher Lernsituation passt, ist entscheidend.

Podcasts zum Lernen - wirklich eine gute Idee?

Ein Video von Prof. Dr. Tina Seufert auf LinkedIn.

[Beispiel] Die neuronale Kommunikation wird durch Animation verständlicher, daher passt hier das Videoformat:

Ein Video ist besser fürs Lernen geeignet, wenn:

1. Inhalt durch Bilder/Animation verständlicher. Komplexe Konzepte lassen sich häufig besser durch visuelle Darstellungen, Animationen oder Diagramme erklären, was in Videos gut umgesetzt werden kann. Wenn Studierende verstehen sollen, wie eine Flugzeugturbine aufgebaut ist, würde dies kaum rein schriftlich erklärt werden können.

2. Prozedurale Fähigkeit und motorisches Wissen: Man kann mehrmals schriftlich erklären, wie man einen Seemannsknoten bindet oder eine Maschine bedient. Es ist jedoch deutlich einfacher, das Vorgehen mit eigenen Augen zu sehen, zumal dies in realen Situationen nicht immer möglich ist.

3. Lernende noch wenig Vorwissen haben (z.B. in Grundlagenveranstaltungen): In einem Video werden zwei Sinneskanäle – der visuelle und der auditive – gleichzeitig angesprochen. Da visuelle und auditive Inhalte in unserem Arbeitsgedächtnis getrennt voneinander verarbeitet werden, kann die Arbeitsgedächtniskapazität mit audiovisuellen Materialien besser genutzt werden und wird weniger schnell überlastet. Dies ist insbesondere für Studierende mit wenig Vorwissen relevant (Mayer, R.E., 2021. Cognitive Theory of Multimedia Learning, in Mayer & Fiorella (Eds), 2021, 57-72). Bei Personen mit viel Vorwissen kehrt sich dieser Effekt um und sie lernen mit Grafiken und Videos schlechter als nur mit Text - "Expertise-Reversal-Effekt" (Kalyuga, S., 2021; in Mayer & Fiorella (Eds.) 2021, 171-181).

4. Inhalte sind konstant: Videoerstellung ist ein komplexer Produktionsprozess. Zuerst werden Folien und Sprecherskripte erstellt, danach erfolgt die Aufnahme und anschließend die Postproduktion. Daher empfiehlt es sich bei sich schnell ändernden Inhalten wie Gesetzen oder aktuellen politischen Ereignissen, Texte zur Informationsvermittlung zu verwenden, sodass diese bei Bedarf schnell angepasst werden können.

Ein Text ist besser fürs Lernen geeignet, wenn:

1. Inhalte sind schwer zu verbildlichen: Komplexe und insbesondere abstrakte Informationen, Theorien und Analysen, die schwer visualisierbar sind, lassen sich in Textform besser präsentieren. Wie könnte man solche Konzepte wie Verfügbarkeit, Freiheit oder Zurechnungsfähigkeit in einer grafischen Form ausführlich erklären?

2. Lernende bereits über spezifisches Vorwissen verfügen: Leser/innen sind in der Lage, bestimmte Abschnitte mehrmals zu lesen, zurückzugehen, das Wichtigste hervorzuheben oder Teile zu überspringen. Studien zeigen, dass vor allem leistungsstärkere Lernende häufig solche Lesetechniken einsetzen, die Ihnen helfen, Informationen besser zu behalten. Beim Anschauen eines Videos kann zwar auch die Abspielgeschwindigkeit angepasst und die Präsentation zwischendurch gestoppt werden, es ist dennoch schwieriger, eine genaue Stelle wiederzufinden oder sich schnell einen groben Überblick zu verschaffen. Lernende mit viel Vorwissen kommen daher bei einem Text schneller ans Ziel.

3. Lehrziel ist Verbesserung der Lesekompetenz: In vielen Disziplinen wie Rechtswissenschaften, Philosophie, Literaturwissenschaft, Religionswissenschaft etc. ist ein routinierter Umgang mit Texten wesentlich für das Studium. Zudem finden wissenschaftliche Diskurse in allen Disziplinen in Textform statt.

4. Inhalte verändern sich laufend: S. Punkt 4 beim Video.

Abschließend ist zu betonen, dass die Wirksamkeit jedes Mediums von vielen Faktoren abhängt. Ein gut geschriebener Text sollte beispielsweise nicht mit einem schlechten Video verglichen werden. Zudem kommt es wesentlich darauf an, wie gut die Kompetenz des jeweiligen Individuums ist, mit Videos oder Texten als Lernmedium umzugehen und welche Lernstrategien die Lernenden für die weitere Verarbeitung der Inhalte einsetzen. Es gibt auch weitere Faktoren, welche die Effektivität des jeweiligen Mediums beeinflussen können. Daher kann eine Kombination beider Medienformen häufig den effektivsten Lernerfolg bieten.

Literaur  (eine vollständige Literaturliste finden Sie hier)

Mayer, R.E. (2021). Evidence-Based Principles for How to Design Effective Instructional Videos, Journal of Applied Research in Memory and Cognition, Vol.10 (2), 229-240. 
Mayer, R.E., Fiorella, L. (2021). The Cambridge handbook of multimedia learning. Cambridge university press.
Niegemann, H., Weinberger, A. (2019). Handbuch Bildungstechnologie. Berlin: Springer. 
Noetel, M., Griffith, S., Delaney, O., Sanders, T, Parker, P., Del Pozo Cruz, B. & Lonsdale, C. (2021). Video Improves Learning in Higher Education: A Systematic Review. Review of Educational Research 91 (2), 204-236.
Persike, M. (2020). Videos in der Lehre – Wirkungen und Nebenwirkungen. In: Niegemann, H., & Weinberger, A. (Eds.). Handbuch Bildungstechnologie. Springer.
Vgl. auch Post von Tina Seufert

Multimedia-Prinzipien

Doch wie müssen Lehrvideos nach wissenschaftlichen Erkenntnissen gestaltet sein, damit sie lernwirksam werden?

Die Multimedia-Prinzipien sind Leitlinien für die Gestaltung von Lehrvideos und anderen multimedialen Lernmaterialien wie PowerPoints, die auf langjähriger psychologischer Forschung basieren. Diese Prinzipien sollen die Effektivität des Lernens steigern, indem sie die kognitive Belastung reduzieren und das Verständnis fördern (Mayer, R.E., 2021; Evidence-Based Principles for How to Design Effective Instructional Videos sowie Mayer, R.E., Fiorella, L., 2021. The Cambridge handbook of multimedia learning. Cambridge university press).

Eine Kurzzusammenfassung der Multimediaprinzipien ist in dieser Handreichung zu finden. Sie ist einfach zum Ausdrucken, z. B. wenn Sie die Prinzipien konkret in Ihren Lehrmaterialien umsetzen möchten.

1. Multimedia Prinzip

Übergreifendes Prinzip für die Gestaltung von Lernmaterialien: Menschen lernen besser mit Worten und Grafiken als allein mit Worten. Allerdings trifft dies nur auf Lernende zu, die wenig Vorwissen zum jeweiligen Thema besitzen. Bei Personen mit viel Vorwissen kehrt sich dieser Effekt um und sie lernen mit Grafiken und Videos schlechter als nur mit Text - "Expertise-Reversal-Effekt" (Mayer, 2021).

2. Kohärenz-Prinzip (Überflüssige Elemente vermeiden)

3. Signalisierungsprinzip (Das Wichtigste hervorheben)

4. Kontiguitätsprinzip (Text neben der Grafik platzieren)

Platzieren Sie Ihren Text neben der Grafik (nicht Bildunterschrift) und synchronisieren Sie die Erzählung mit Ihrem Bildmaterial (Mayer, 2021).

5. Redundanz-Prinzip (Nicht den geschriebenen Text vorlesen)

Prinzipien 6-8: Pre-Training, Segmentierung und Modalität

Optimierung der kognitiven Belastung aufgrund Komplexität des Gegenstands

9. Personalisierungsprinzip (Zuschauer direkt ansprechen)

Außerdem ist empfehlungswert, höfliche Sprache (z.B. “Why don’t we save our factory now?“ statt “Save the factory now!”) zu benutzen. Diese positiven Effekte sind aber kulturspezifisch. Bei den emotional schwerverabeitbaren Themen (z.B. Hirnblutungen) wurde sogar ein umgekehrter Effekt - „invertedpersonalization effect“ – festgestellt (Mayer, 2021).

10. Stimmen-Prinzip (Menschliche Stimme nutzen)

Generell gilt: Die menschliche Stimme ist lernfördernder als eine computergenierte Stimme (Mayer, 2021).

ABER die modernen Software-Programmen scheinen diesen Effekt überwunden zu haben. In einer neueren Studie von Craig und Schroeder waren die Lernergebnisse der Studierenden besser, die mit einer modernen Maschinenstimme lernten, im Gegensatz zu den Studierenden, die mit einer „klassischen“ Maschinenstimme oder mit einer menschlichen Stimme lernten (Craig, Schroeder, 2017).

11. Bild-Prinzip (Kein statisches Bild der Lehrperson)

Außerdem wurden keine signifikanten Lerneffekte durch die Sichtbarkeit der Lehrperson oder des on-screen-agents festgestellt (Fiorella & Mayer, 2022).

12. Verkörperungsprinzip (Gestikulieren)

Zudem konnten die besten Lerneffekte dann festgestellt werden, wenn die Lehrperson oder on-screen-agent auf die wichtigsten Informationen verwiesen hat. Allerdings haben leistungsschwächere Studierende am meisten von solchen Agenten profitiert, wobei die leistungsstärkeren am besten ohne solche Agenten gelernt haben (Fiorella & Mayer, 2022).

Freiverfügbare Materialien (Bilder, Videos, Musik)

Für die Erstellung von Videos oder Folien braucht man häufig außer eigener Materialien weitere Inhalte, wie z.B. Bilder zum Illustieren der Konzepte, Videos für Intro/Outro. Wenn Sie Bilder, Videos und Musik für Ihre Lehrmaterialien suchen und verwenden möchten, sollten Sie das Urheberrechtsgesetz, insbesondere § 60a UrhG Unterricht und Lehre beachten. 

Daher ist es empfert, nach Werken mit Creative Commons-Lizenzen oder Public Domain-Inhalten zu suchen. Anbei finden Sie eine Auswahl von solchen Websiten, die eine gute Auswahl an freiverfügbaren Materialien anbieten. Wichtig: Prüfen Sie dennoch immer die Lizenzbedingungen auf den Websiten. Einige Lizenzen erfordern möglicherweise eine Namensnennung des Urhebers oder beschränken die Verwendung für nicht-kommerzielle Zwecke. 

Interdisziplinäre Qualitätskriterien für Lernmaterialien (Videos, Folien) im Überblick

Ein multidisziplinäres, theorie- und forschungsbasiertes Raster zu Qualitätskriterien für Lehr- und Erklärvideos von Siegel, S. T., Hensch, I., Scherrer, M., & Buchner, J. (2023).
Link zu Miro-Board

© storyset.com

Lehrvideos produzieren

Mit welchen Tools kann man Lehrvideos aufnehmen? Was muss man dabei beachten? Hier finden Sie detailierte Anleitungen zu Zoom, PowerPoint und Camtasia sowie einen Überblick über die Vorteile des jeweiligen Tools.

© h5p.org

H5P: Interaktive Aufgaben & Lerninhalte

Mit H5P können Sie interaktive Quizze, Lehrvideos mit eingebauten Fragen, Zuordnungsaufgaben, Lernkarteikarten und weitere interaktive Aktivitäten erstellen und sie direkt in Moodle einbinden. Hier finden Sie Anleitungen dazu.

Weitere interessante Materialien und Links

Dr. Richard Mayer: "Learning in Virtual Reality: An Evidence-Based Approach (1:03:08 Min)

Bitte beachten Sie: Sobald Sie sich das Video ansehen, werden Informationen darüber an YouTube/Google übermittelt. Weitere Informationen dazu finden Sie unter Google Privacy.

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Julia Kröcher

Expertin für Online-Lehre

julia.kroecher@tu-berlin.de

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Zitiervorschlag: Kröcher, Julia & Mörth, Martina (2023). Lernmaterialien erstellen. Online-Ressource des BZHL. [Zugriff am: XX.XX.XXXX]. Verfügbar unter: https://www.tu.berlin/bzhl/ressourcen-fuer-ihre-lehre/ressourcen-nach-themenbereichen/lernmaterialien-erstellen