Bioverfahrenstechnik

Nachhaltige Digitalisierung

Schon 1865 wies der britische Ökonom William S. Jevsons darauf hin, dass sich die mit der Nutzung von optimierten Dampfmaschinen erwarteten Energieeinsparungen nicht umsetzten. Die Verfügbarkeit der billigen Energie führte vielmehr zu einer erhöhten Nachfrage. Und die Diskrepanz zwischen erwarteter Einsparung und realem Mehrverbrauch wird seitdem als Jevons-Paradoxon bezeichnet.

Mit der Nutzung der Informations- und Kommunikationstechnologie (ICTs) verhält es sich ähnlich. Unentwegt war seit ihrer Einführung davon die Rede, dass sich dadurch weitreichende Möglichkeiten für Energieeinsparungen eröffnen – umgesetzt hat sich das aber nie. Vielmehr hat der Energiehunger des ICT-Sektors immer größere Ausmaße angenommen. Für 2028 wurde der mit dem Internet und anderen ICT-Komponenten verursachte Stromverbrauch auf 1.300-2.300 TWh geschätzt. Da der Emissionsfaktor pro erzeugter elektrischer kWh 0.63 kgCO2/kWh beträgt, war der ICT-Sektor somit für 1.5 GtCO2e (Gigatonnen CO2 Äquivalente) erzeugter Treibhausgas-Emissionen verantwortlich[i]. Wenn es so weitergeht, wird der ICT-Sektor zum größten Hindernis bei der Einhaltung des 1,5°C-Ziels wie es im Pariser Klimaschutzabkommen vereinbart wurde.

Jede Einführung neuer Technologien muss sich deshalb der Frage stellen, wie sie zu einer Verminderung des Energieverbrauchs beitragen wird. Und wenn darauf keine überzeugende Antwort zu geben ist, sollte auf die Kommerzialisierung verzichtet werden. Oder wie sollte wohl sonst der dringende Appell von UN-Generalsekretär Antonio Guterres vom März 2023 verstanden werden, der dazu aufgefordert „.. die Klimabemühungen in jedem Land, jedem Sektor und in jedem Zeitrahmen massiv zu beschleunigen. Unsere Welt braucht Klimamaßnahmen an allen Fronten: alles, überall, auf einmal.“[ii]

Aber es ist nicht nur der Energieverbrauch des ICT-Sektors, der mit den 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen in Konflikt steht. Vielfach werden Internetseiten dazu genutzt, Nutzer massiv auszuspähen und detaillierte Persönlichkeitsprofile für die Werbebranche zu ermitteln. Und große Kommunikationsplattformen (als soziale Medien mag man sie kaum bezeichnen) befeuern übertrieben emotionale Auseinandersetzungen bis hin zur Hassrede[iii], beugen dem Cybermobbing oder Anfeindungen von Bürger- und Frauenrechtlerinnen nicht vor[iv] oder lassen sich für die Organisation von demokratiefeindlichen Angriffen auf Regierungsinstitutionen missbrauchen[v] – und das alles nur, um die Nutzer lange auf ihren Kanälen zu halten und ihnen möglichst viel Werbung auszuspielen. Um die Nachhaltigkeit im ICT-Sektor bzw. Internet ist es also nicht gut bestellt.

Um die genannten Probleme zu thematisieren und Abhilfe zu schaffen, hat sich das JLB in 2019 und 2021 die Ringvorlesungen „Internet und Privatheit“ an der TU Berlin initiiert und gemeinsam mit Kollegen aus der Informatik organisiert. In 2022 haben wir uns zudem auf dem Bits-und-Bäume-Kongreß mit dem Workshop „Wie viel Energie verbraucht mein Handy, um mich zu überwachen?“ beteiligt.

[i] Charlotte Freitag, Mike Berners-Lee, Kelly Widdicks, Bran Knowles, Gordon S. Blair, Adrian Friday. „The real climate and transformative impact of ICT: A critique of estimates, trends, and regulations" in Patterns (2), 2021. DOI: 10.1016/j.patter.2021.100340

[ii] https://www.theguardian.com/environment/2023/mar/20/ipcc-climate-crisis-report-delivers-final-warning-on-15c

[iii] a) https://www.theguardian.com/technology/2022/sep/13/twitter-whistleblower-testimony-congress-peiter-zatko  b) https://www.piqd.de/technologie-gesellschaft/nach-babel-jonathan-haidts-radikale-kritik-an-social-media

[iv] Amnesty International: „Toxic Twitter – A toxic place for women“, https://www.amnesty.org/en/latest/research/2018/03/online-violence-against-women-chapter-1-1/; #She Persisted: „Monetizing Misoceny – Gendered Disinformation and the Undermining of Women’s Rights and Democracy Globally“, L. Di Meco, 2023, https://she-persisted.org/our-work/research-and-thought-leadership/

[v] „Pro-Bolsonaro violence: experts highlight role of social media platforms“, C. Malleret, D. Milmo & A. Hern in The Guardian, 9.1.2023, https://www.theguardian.com/world/2023/jan/09/pro-bolsonaro-violence-social-media-platforms