Zentrum für Antisemitismusforschung

Somatic Memory of Historical Violence. Transgenerational Epigenetics of Trauma – The Shoah, Antisemitism, and Racism.

Körper haben eine Geschichte und eine Erinnerung. Sie erinnern sich an die Geschichte von Gewalt, Rassismus und Antisemitismus, selbst wenn unser Bewusstsein diese Erfahrungen vergessen oder verdrängt haben mag. So kann der Körper als historisches Archiv verstanden werden, das von vergangenen Verletzungen und daraus abgeleiteten, gegenwärtigen Formen der Ungerechtigkeit zeugt. Doch wie erinnert sich der Körper an Erfahrungen extremer Gewalt, die ihn prägen und historisch formen? Und wie ist die Erinnerung und Sprache des Körpers zu entschlüsseln?

Diesen Fragen geht Dr. Anna Danilina im Forschungsprojekt „Somatic Memory of Historical Violence“ nach. Sie postuliert, dass diese Fragen nur mithilfe von Medizin und Neurowissenschaften adäquat adressiert werden können. Die biomedizinische Forschung über transgenerationale epigenetische Auswirkungen von Traumata liefert differenzierte Darstellungen dessen, wie sich historische Gewalt in somatische Signaturen übersetzt und wie traumatische Ereignisse die genetischen Transkriptionsmechanismen über Generationen hinweg verändern können. Obgleich die Epigenetik neue Perspektiven für die Körpergeschichte bereithält, bringt sie auch Probleme mit sich, die von Seiten der Rassismus- und Antisemitismusforschung kritisch reflektiert werden müssen.

Das Forschungsprojekt wird von der Alfred Landecker Stiftung finanziert und läuft über 5 Jahre. Neben Dr. Anna Danilina, der Alfred Landecker Lecturer am Zentrum für Antisemitismusforschung, arbeiten Ida von Holtum als studentische Mitarbeiterin und Falk Springer an der Erstellung der interaktiven Homepage trans-somatic.com mit. Das Projekt ist 2023 angelaufen und wird in den kommenden Jahren durch Lehre, Workshops, eine Konferenz, Publikationen und die Homepage, die ein Netzwerk akademischer, künstlerischer und politischer Auseinandersetzungen mit transgenerationalem Trauma zugänglich macht, dessen Inhalte an eine breite Öffentlichkeit vermitteln.

Das Forschungsprojekt untersucht, wie traumatische Erfahrungen von Antisemitismus und Rassismus körperliche Spuren hinterlassen, die über mehrere Generationen weitergegeben werden können. Biomedizinische Studien etwa zu den Folgen des Holocausts, genozidaler Gewalt oder auch täglicher rassistischer Diskriminierung werden dabei aus historischer und sozialwissenschaftlicher Perspektive kritisch reflektiert. Inwiefern hält die medizinische und neurowissenschaftliche Forschung neue Perspektiven für die Körpergeschichte von Gewalt bereit? Eröffnen die gegenseitigen Bezüge zwischen unterschiedlichen Betroffenengruppen gerade im Feld der Epigenetik von Trauma eine Perspektive „multidirektionaler somatischer Erinnerung“, statt einen Modus der Konkurrenz zu befördern? Inwieweit reproduziert jedoch die medizinische Sichtweise auf Gewalt, Rassismus und Antisemitismus auch essentialistische und biologistische Denkweisen? Dabei werden nicht nur medizinische Herangehensweisen an Rassismus und Antisemitismus kritisch hinterfragt, sondern auch Differenzierungen und Kontextualisierungen gegenwärtiger Traumadiskurse vorgenommen.

Anna Danilina liest die Epigenetik des Traumas als eine Geschichte des Körpers und nutzt biomedizinische Studien für neue Konzepte und Methoden zur Erforschung eines Körpergedächtnisses in den Sozialwissenschaften. Umgekehrt analysiert sie, wie die medizinische Forschung soziale und politische Debatten über die Beziehung zwischen Rassismus und Antisemitismus, Holocaust, Genozid und Kolonialismus beeinflusst. Schließlich untersucht das Projekt die Potenziale und Fallstricke bei der Nutzung genetischer Wissensbestände für die Erforschung von Rassismus und Antisemitismus.

Zu diesem Zweck ist das Projekt in vier auf einander aufbauende Analysestränge strukturiert: 1) eine Wissenschaftsgeschichte der Übergänge von Eugenik, Genetik und Epigenetik; 2) eine historische Diskursanalyse, die untersucht, wie verschiedene Betroffenengruppen die Forschung transgenerationaler Epigenetik nutzen und damit historische Gewalt durch Antisemitismus und durch Rassismus in Beziehung setzen; 3) einen medizin-anthropologischen Ansatz, der epigenetische Mechanismen als somatisches Gedächtnis differenziert und interpretiert; und 4) eine theoriepolitische sowie selbstkritische Reflexion physiologischer Ansätze zu Rasse, Rassismus und Antisemitismus.

Zeitlich bewegt sich das Projekt von der Zeitgeschichte bis in die Gegenwart und verbindet verflechtungshistorisch Wissensbestände vorrangig aus Deutschland, den USA und Israel. Aus interdisziplinärer Perspektive bewegt sich das Projekt zwischen Medizingeschichte und -anthropologie, Medizin und Epigenetik, Holocaust- und Traumaforschung, der Antisemitismus- und Rassismusforschung sowie Critical Race Theory.

Projektteam

Projektleitung: Dr. Anna Danilina (Alfred Landecker Lecturer)

Studentische Hilfskraft: Ida von Holtum

Konzeption der Homepage trans-somatic.com (im Entstehen): Falk Springer

Finanziert von der Alfred Landecker Stiftung (2023 – 2028)